Arbeitslosigkeit steigt
Finanzkrise trifft Brasilien hart

So schnell ändern sich die Zeiten. Noch im Mai sahen Volkswirte Brasilien als mögliche Konjunktur-Lokomotive Lateinamerikas. Diese Euphorie ist inzwischen verfolgen - schneller und heftiger als erwartet ist die Finanzkrise in Brasilien auf die Realwirtschaft übergeschwappt: Die Unternehmen haben Investitionen auf Eis gelegt, die Industrieproduktion schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt.

SÃO PAULO. Kein Wunder, dass die Konjunktur-Beobachter ihre Wachstumsprognosen herunterschrauben: Industrieverbände rechnen für 2002 nur noch mit 1,5 bis 2 % Wachstum. Im Mai etwa hatte die Dresdner Bank Lateinamerika noch ein Wachstum von 2,5 % erwartet.

Der Abschwung macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Offiziellen Zahlen zufolge ist die Arbeitslosigkeit im Mai auf 7,7 % gestiegen, ein Jahr zuvor lag sie bei 6,2 %. Die Gewerkschaften halten diese Zahlen für zu niedrig - sie schätzen, dass fast jeder fünfte Erwerbsfähige ohne Job dasteht.

Vor allem Zweifel an Brasiliens Zahlungsfähigkeit haben die Wachstumshoffnungen durchkreuzt. Weil die Finanzmärkte unsicher sind, ob das Land auf Dauer seine Schulden zurückzahlen kann, vergeben sie Kredite nach Brasilien nur mit einem gewaltigen Risikoaufschlag - die Zinsen auf brasilianische Staatsanleihen sind bis zu 18 % höher als bei US-Anleihen. Das macht ausländische Kredite für die brasilianische Unternehmen fast unerschwinglich.

Unternehmen stoppen Investitionen

Die Konsequenz: Viele Firmen haben ihre Investitionen gestoppt. Nur in zwei von 33 Branchen weiten Unternehmen derzeit noch ihre Kapazitäten aus, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Wirtschaftsuniversität Fundação Gétulio Vargas. Rühmlichen Ausnahmen sind die Lebensmittel- sowie die Papier und Zellulose-Industrie. Noch fließen jeden Monat Direktinvestitionen in Höhe von rund 1 Mrd. US-Dollar nach Brasilien, hauptsächlich in Branchen, die der Staat erst kürzlich privatisiert hat: Telekommunikation, Chemie und Energie.

Die Industrie bekommt die Eiszeit bei den Investitionen deutlich zu spüren. Im April brach die Produktion von Investitions- und Konsumgütern deutlich ein - einer der Hauptgründe, warum der Output im Mai gegenüber April um 5,1 % geschrumpft ist. Der Umsatzeinbruch lag in beiden Branchen bei 10 %. Die Konsumgüter-Hersteller leiden vor allem unter den hohen Zinsen. Denn die Leitzinsen liegen bei 19 % und lähmen die Wirtschaft - zumal die Brasilianer vom Auto bis zur Küchenmaschine alles auf Ratenzahlungen kaufen.

Doch an den hohen Zinsen wird sich so schnell nichts ändern: Die heimische Währung Real befindet sich im Sinkflug und verteuert die Importe. Das treibt die Inflation. Größere Zinssenkungen kommen daher nicht in Frage - zumal die Zentralbank dem Internationalen Währungsfonds versprochen hat, die Inflation 2002 auf 5,5 % zu stabilisieren. Derzeit liegt die Teuerung im Jahresvergleich bei 7,7 %.

Argentinien ist das wichtigste Exportland

Brasiliens Stabilität hängt damit vor allem vom Außenhandel ab. "Nur, wenn die Wirtschaft einen wachsenden Handelsbilanzüberschuss produziert, hat das Land Chancen, seine Krisenanfälligkeit zu verringern", sagt Paulo Leme von der Investmentbank Goldman Sachs.

Zwar steigt mit dem fallenden Real die Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure - große Hoffnungen auf einen Ausfuhr-Boom machen sich Ökonomen aber nicht. Denn Argentinien, das wichtigstes Exportland, liegt am Boden. Außerdem exportiert Brasilien vor allem Rohstoffe - und dabei drückt die schwachen Weltkonjunktur auf die Preise. Ökonomen rechnen daher nur mit einem Handelsbilanz-Plus von 5 Mrd. US-Dollar - zu wenig, um das rund zehn mal größere Loch in der Leistungsbilanz zu stopfen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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