Arbeitsmärkte in den EU-Beitrittsländern
Löhne werden in Mitteleuropa schnell steigen

Das Lohnniveau zwischen alten und neuen EU-Staaten wird sich mittelfristig angleichen. Eine starke Zuwanderung aus dem Osten in den Westen ist hingegen unwahrscheinlich.

FRANKFURT. Die Erweiterung der EU nach Osteuropa erscheint den westlichen Nachbarn häufig als arbeitsmarktpolitisches Schreckgespenst. Sie öffne die westeuropäischen Arbeitsmärkte dem Zustrom "billiger" Arbeitskräfte aus den Beitrittsstaaten und gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Arbeitnehmer, so die pauschale Befürchtung. Der direkte Vergleich zwischen Ost- und Westeuropa untermauert dieses Szenario auf den ersten Blick: Die Gehälter in den EU-Beitrittsstaaten weisen im Vergleich zu Westeuropa noch immer ein deutliches Gefälle auf, wie das Beispiel der Länder Polen, Ungarn und Tschechische Republik zeigt.

Während ein kaufmännischer Leiter in Deutschland im Durchschnitt jährlich 130.000 Euro verdient, sind die Gehälter in der Tschechischen Republik mit 77.000 Euro, in Polen mit 64.000 Euro und in Ungarn mit 57.000 Euro deutlich niedriger. Dabei spielt die Branche, in der die Manager beschäftigt sind, eine immer geringere Rolle. Die Funktion ist mittlerweile in Vergütungsfragen entscheidend.

Bei den Arbeitern wird die Diskrepanz in der Entlohnung noch deutlicher. In der Tschechischen Republik, Polen und in Ungarn verdienen Arbeiter nur etwa ein Drittel ihrer deutschen Kollegen. Angestellte erzielen in der Tschechischen Republik rund die Hälfte der deutschen Durchschnittsgehälter, in Polen 40 Prozent und in Ungarn sogar nur 30 bis 35 Prozent.

Trotz des Gehaltsgefälles ist ein erheblicher Anstieg der Zuwanderung von Arbeitskräften von Ost nach West unwahrscheinlich. Neben den rechtlichen Hürden der Beitrittsvereinbarungen, die eine Beschäftigung von Arbeitnehmern aus den neuen EU-Ländern in Westeuropa erst nach Ablauf einer Frist von sieben Jahren vorsehen, sprechen auch wirtschaftliche Argumente gegen eine solche Entwicklung. Eine Zuwanderung ist zwar bereits im Gange, es sind aber westeuropäische Unternehmen, die den Arbeitnehmern in Osteuropa entgegenkommen.

Die osteuropäischen Staaten haben schon heute die wirtschaftlichen Chancen des Beitritts erkannt und schaffen die erforderlichen Anreize für die Ansiedlung von Firmen aus dem Westen: Steuererleichterungen, Subventionen und die vergleichsweise niedrigen Personalkosten machen Investitionen für Unternehmen aus den alten EU-Staaten interessant. Westeuropäische Firmen denken über eine Gründung bzw. den Ausbau von Produktionsstandorten oder Vertriebsniederlassungen vor Ort nach. Auch lokalen Firmen eröffnet die Erweiterung des Wirtschaftsraumes größere Absatzchancen. Die Folge: Die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften in Osteuropa steigt und belebt die Arbeitsmärkte in den jeweiligen Ländern.

Die stärkere wirtschaftliche Verflechtung der Regionen wird nicht ohne Auswirkungen auf die Gehaltsstrukturen bleiben. Mit der Öffnung der einzelnen Länder hin zu einem Wirtschaftsraum Europa werden sich die Gehaltsniveaus mittel- bis langfristig angleichen. Dabei ist die Orientierung der Ostgehälter am westlichen Standards wesentlich wahrscheinlicher, als umgekehrt.

Zwar ist zu erwarten, dass der Mittelwert der Gehälter in den EU-Staaten durch die Osterweiterung zunächst absinken wird. Die bisherigen Entwicklungen zeigen aber, dass sich die Gehaltsentwicklung in den Staaten mit den niedrigsten Durchschnittsgehältern am "alten" Mittelwert Westeuropas orientiert. Das hat zum einen personalpolitische Gründe: Firmen, die in Osteuropa expandieren, setzen zunächst meist Mitarbeiter aus dem Westen in Schlüsselpositionen ein. Im Laufe der Zeit übernehmen lokale Mitarbeiter diese Funktion. Interne Programme erhöhen die Qualifikationen der Belegschaft insgesamt, so dass auch die Gehälter steigen. Diese Anpassung erfolgt meist über variable Vergütungsbestandteile, deren Anteil in Osteuropa vergleichsweise höher liegt als im Westen. Generell verdienen Manager und Arbeiter bei internationalen Firmen deutlich besser als bei lokalen Unternehmen. Ihr Gehalt liegt im Durchschnitt 15 Prozent über dem Mittelwert des jeweiligen Landes.

Neben den Entwicklungen bei den Unternehmen spielen auch volkswirtschaftliche Effekte des EU-Beitritts eine wesentliche Rolle bei der Annäherung der Gehaltsniveaus in den europäischen Regionen. Die Öffnung der osteuropäischen Länder hin zum EU-Wirtschaftsraum führt zu einem Anstieg der Preise, der sich in steigenden Gehältern und damit insgesamt höheren Personalkosten fortsetzt. Für Polen, Ungarn und die Tschechische Republik etwa sind für 2003 und 2004 die höchsten Gehaltssteigerungsraten in Europa zu erwarten, jeweils rund 5 Prozent. Bereits jetzt ist der Gehaltsunterschied zu westlichen EU-Staaten mit niedrigen Lohnstrukturen, wie beispielsweise Spanien und Portugal, nicht mehr allzu groß. So verdient heute ein kaufmännischer Leiter in Spanien im Schnitt jährlich 10.000 Euro mehr als sein Kollege in der Tschechischen Republik.

Unterstützt wird dieser Trend zur Vereinheitlichung durch die gemeinsame Währung. Die Einführung des Euro in den Beitrittsstaaten schafft eine verlässlichere Vergleichsbasis für Gehälter, indem sie die durch Währungsunterschiede bestehende latente Intransparenz bei den Personalkosten aufhebt. Darüber nivelliert der EU-Beitritt Unterschiede in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Bisher bestehende regionale Unterschiede bei Steuern und Subventionen, wie etwa Zonenrandförderungen und unterschiedliche Gewerbesteuern, werden im Zuge der Vereinheitlichung ausgeglichen.

Das Zusammenwachsen von West- und Osteuropa zu einem Wirtschaftsraum bringt in der Gesamtschau eher positive Impulse für die Mitgliedsstaaten der EU. Dies gilt für Unternehmen wie für die jeweiligen Volkswirtschaften und regionalen Arbeitsmärkte. Unternehmen, Arbeitnehmer und Politiker sollten die EU-Erweiterung daher als Chance begreifen, die letztendlich ganz Europa wirtschaftlich nützen wird.

Dirk Ewert leitet bei Towers Perrin den Geschäftsbereich European Data Business. Er ist Experte für die Vergütung von Fach- und Führungskräften innerhalb Europas.

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