Arbeitsmarkt
AG ohne Businessplan

Selbstständigkeit als Weg aus der Arbeitslosigkeit: So hatte es sich die Hartz- Kommission vorgestellt und den Begriff Ich-AG erfunden. Im Alltag aber haben es die Existenzgründer schwer.

BERLIN. Heike Meyritz hat es nicht mehr ausgehalten. Immer zu Hause zu sitzen, das Gefühl zu haben: "Mich will keiner." Ein Jahr war sie arbeitslos, ist immer wieder zum Arbeitsamt gegangen, hat sich immer wieder beworben - und nur Absagen erhalten. Zuletzt arbeitete sie in einer Parfümerie; also versuchte sie es in einem Kosmetikgeschäft. Die Antwort: "Ich sei zu alt", erzählt sie. Mit 30 Jahren. Für einen Bürojob fehlten Computerkenntnisse. Ein Textileinzelhändler lehnte ab, weil das Arbeitsamt keinen Zuschuss zahlte.

Aber jetzt hat sie Arbeit. In ihrer Potsdamer Wohnung hat sie ein 20-Quadratmeter-Zimmer zum Büro umfunktioniert. Dort sitzt sie vor dem Computer und sucht weiter nach Stellen, jetzt für andere. Heike Meyritz hat sich als Arbeitsvermittlerin selbstständig gemacht, mit Hilfe des Arbeitsamts. Früher hätte man sie Existenzgründerin genannt, heute ist sie eine Ich-AG - eine der ersten.

Einen Businessplan hat Meyritz nicht erstellt. Sie kennt den Markt nicht, weiß nicht, wie viele Vermittler es im Großraum Berlin/Potsdam gibt. Aber was soll?s? "Ich krieg? das schon hin", sagt sie, und ihr Lächeln strahlt unerschütterlichen Optimismus aus.

Seit Anfang 2003 fördern die Arbeitsämter Existenzgründer nach einem neuen Konzept. Die vom VW-Personalvorstand Peter Hartz geleitete Hartz- Kommission hatte die Idee, die Bundesregierung setzte sie um, und der etwas missverständliche Begriff Ich-AG setzte sich so schnell durch, dass Sprachexperten ihn zum "Unwort des Jahres" erklärten.

Die Bundesanstalt für Arbeit erwartet, dass sich bis Ende 2003 etwa 20 000 Arbeitslose als Ich-AG anmelden. Andere Arbeitsmarktexperten bezweifeln allerdings den Nutzen des Konzepts. Denn Jobsuchende, die sich selbstständig machen wollen, werden schon lange gefördert - mit Überbrückungsgeld. Das Arbeitsamt zahlt ihnen sechs Monate das Arbeitslosengeld weiter. "Es ist schwer nachvollziehbar, warum man für die gleiche Zielgruppe eine zweite, ähnliche Förderung schafft", kritisiert Oliver Heikaus, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Die Regierung aber hat das nicht gestört, und so sitzt Klaus Erfurth, Jeans, kariertes Hemd, leichter Bauchansatz, im Arbeitsamt Südwest, Berlin-Tempelhof und lässt sich die Einzelheiten der Förderung erklären. Der 42-Jährige möchte Böden verlegen und Reparaturen aller Art anbieten. Seine Arbeitsvermittlerin hatte ihm gesagt, er werde jetzt bundesweit vermittelt und müsse so ziemlich jede Arbeit annehmen. Er aber, ledig und kinderlos, will in Berlin bleiben. "Da mache ich mich lieber selbstständig", sagt er und legt eine schwarze Mappe auf den Tisch. Darin stecken drei Blatt Papier, der "Antrag auf Gewährung eines Existenzgründungszuschusses zur Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit" - Bürokratendeutsch statt des Unwortes Ich-AG.

Er wolle ins "Bautrocknungsgewerbe" einsteigen, hat Erfurth in den Antrag geschrieben. "Die meisten Arbeiten im Handwerk darf ich nicht ausführen, da ich keinen Meisterbrief habe", sagt er. "Was kann ich da schon groß machen?" Mit 15 Jahren ist er von der Schule abgegangen, hat als Tankwart gearbeitet. Dann war er Hilfsarbeiter auf dem Bau, Behindertenfahrer, Gerüstbauer, Gabelstaplerfahrer - und zuletzt eben arbeitslos. Eine Ausbildung hat er nie gemacht, "denn jahrelang lief ja alles okay mit der Arbeit".

Beim Gewerbeamt erklärt man ihm, dass es noch einige andere Arbeiten gebe, die der Handwerkskammer nur angezeigt werden müssten. Also ergänzt Erfurth den Gewerbeantrag: "Bodenleger, Holz- und Bautenschutz, Theater- und Ausstellungsmaler, Kabelverleger im Hochbau und Einbau von genormten Baufertigteilen". Eine Art Mann für alle Fälle.

Frank Wiessner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist bei solchen Unternehmungen skeptisch. Er bedauert, dass die Existenzgründer ihr Konzept nicht von einer IHK oder Bank prüfen lassen müssen - so wie es beim Überbrückungsgeld erforderlich sei. "Für die Gründer ist das vielleicht lästig", sagt Wiessner. "Aber so werden sie gezwungen, noch mal intensiv über ihre Selbstständigkeit nachzudenken. Und einige Konzepte haben einfach keine Aussicht, jemals profitabel zu werden."

Das Überbrückungsgeld gilt als recht erfolgreich. Die Arbeitsämter in Berlin und Brandenburg etwa unterstützten im letzten Jahr rund 13 000 angehende Unternehmer auf diese Weise auf dem Weg in die Selbstständigkeit und gaben dafür etwa 100 Millionen Euro aus. Die Erfolgsquote ist hoch: Drei Jahre nach dem Neubeginn waren noch 70 Prozent der Geförderten selbstständig und nur elf Prozent wieder arbeitslos gemeldet.

Arbeitsmarktexperten wie Wiessner und Heikaus sind sich indes einig, dass die Ich-AG keine Gründerwelle auslösen wird - eher schon sei es wahrscheinlich, dass die subventionierten Selbstständigen einen Verdrängungswettbewerb im Handwerk und in handwerksnahen Berufen auslösten.

Wer eine Ich-AG gründet, erhält vom Arbeitsamt einen Zuschuss von 600 Euro monatlich im ersten Jahr, 360 Euro im zweiten und 240 Euro im dritten. Wer mehr als 25 000 Euro verdient, wird im Jahr darauf nicht mehr gefördert.

Heike Meyritz ist zwar erst ganz am Anfang. Aber sie denkt weiter: "Das soll langfristig was werden, nicht nur für die drei Jahre", sagt sie. "Ich hab?s im Gefühl: Das wird schon klappen." Noch aber bleiben die Probleme des Alltags: "Von den 600 Euro monatlich gehen allein rund 400 Euro für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ab", klärt sie auf. "Da bleibt nicht viel übrig."

200 Handzettel hat sie verteilt im Sozialamt, im Arbeitsamt, in kleinen Betrieben und sogar an einem Kiosk, und sie arbeitet an der eigenen Internetseite. "Ich habe mittlerweile bundesweit total viele Stellen", erzählt sie stolz, und für einen ihrer Klienten habe sie schon drei Vorstellungstermine vereinbart. Sonst aber fehle es noch an Arbeitslosen, die sich vermitteln lassen wollten: "Viele sind nicht mobil genug, wollen zum Beispiel nicht an die Ostsee ziehen."

Auch Klaus Erfurths Antrag wird am Ende des Tages bewilligt. Doch besonders fröhlich ist er auch jetzt nicht: "Eigentlich hatte ich doch keine Wahl. Und ruhig bin ich erst, wenn mein Laden läuft."

Quelle: Handelsblatt

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