Arbeitsmarkt
Handwerk hat doppelten Boden

Wolfgang Clement macht Ernst: Der neue Superminister will mit den Hartz-Vorschlägen auch den Meisterzwang aufweichen. Denn der steht für Behördenwillkür, Berufsverbot und kostet Jobs - ein Blick in den Alltag von Gesellen, die arbeiten möchten, es aber nicht dürfen.

Axel Gieseke ist ein begnadeter Heimwerker. Das ist nicht zu übersehen, wenn man sein rot verklinkertes Fachwerkhaus in Sarstedt-Gödringen betritt, einer Kleinstadt zwanzig Kilometer südlich von Hannover. Die Böden hat Gieseke mit erlesenem Intarsienparkett ausgelegt. An den Wänden hat er Putz aus Naturfarben aufgetragen und die Isolierung aus Kork befestigt, und auch das Dach hat er mit 150 Jahre alten Ziegeln selbst gedeckt. Kurzum: Wenn man sich aus dem Haus alles wegdenken würde, an das er nicht selbst Hand angelegt hat, dann würden wohl nur ein paar kahle Wände übrig bleiben.

Inzwischen hat Gieseke, 44, ein mittelgroßer blonder Jeans-Mann mit hellem Bart, sein Hobby zum Beruf gemacht. In seiner Fachwerkhof Gödringen GmbH vertreibt der gelernte Außenhandelskaufmann hochwertige Boden- und Wandbeläge aus Natursteinmaterialien. Weil seine Kunden aber immer öfter alle Leistungen aus einer Hand verlangen, verlegt er mit seinen Angestellten nebenbei auch schon mal die bis zu 200 Euro je Quadratmeter teuren Beläge - und wird deshalb wie ein Krimineller verfolgt.

Gieseke und seine Leute waren gerade dabei, den Boden einer Villa für das Verlegen von Terrakottafliesen vorzubereiten, als zwei Männer vom Ordnungsamt die Baustelle kontrollierten. Sie nahmen Personalien auf, machten Fotos und beantragten beim Amtsgericht Hildesheim eine Hausdurchsuchung. Der Vorwurf: Verstoß gegen Paragraf 1 des Gesetzes zur Bekämpfung der Schwarzarbeit.

Wer in den Akten des Falls blättert, dem wird indes schnell klar, dass es sich nicht um Schwarzarbeit im eigentlichen Sinne handelt. Denn Steuern gezahlt hat Gieseke, wenn er Fliesen und Mosaike verlegte, doch nach Meinung der Handwerkskammer hätte er seinen Job ohne Meisterbrief nicht ausüben dürfen.

Jetzt gilt Gieseke als Schwarzarbeiter. Es droht ein Bußgeld von bis zu 100 000 Euro und sogar die Betriebsschließung. Er sagt: "Meine Existenz ist gefährdet. Drei Angestellte habe ich schon entlassen müssen." Für Gieseke hat das Handwerk nicht goldenen, sondern doppelten Boden.

"So werden wirtschaftlich gesunde Firmen vernichtet", schimpft der Berufsverband unabhängiger Handwerker (BUH), seit langem ein Kritiker des Meisterzwangs. Die Monopolkommission der Bundesregierung pflichtet dem indirekt bei und spricht von "erheblichen negativen Beschäftigungseffekten" durch die starren Zunftregeln.

Jetzt gibt es wenigstens leise Hoffnung auf Reformen. In den Hartz-Vorschlägen, die Minister Wolfgang Clement "eins zu eins" umsetzen will, steht unter dem Punkt Ich-AG: Erleichtert wird die Existenzgründung in Handwerksberufen. Arbeitslose müssen dazu keine Meisterprüfung ablegen, sondern nur "die hierfür erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten" nachweisen. Für welche Berufe dies gelten und wie der Fähigkeitsnachweis aussehen soll, steht noch nicht fest; außerdem muss der unionsgeführte Bundesrat zustimmen.

Der mächtige Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) lehnt die Vorschläge ab. Grund: Es sei heute schon möglich, handwerkliche Tätigkeiten auch ohne Meisterprüfung selbstständig auszuüben, etwa im "unerheblichen Nebenbetrieb".

Das Beispiel des Fliesenhändlers Gieseke scheint das Gegenteil zu belegen. Der hat seine Handarbeit genau auf jenen Passus gestützt - und geriet doch ins Visier der Kammer. Die argumentiert: Die bei der Hausdurchsuchung "sichergestellten Unterlagen wurden von uns auf handwerkliche Tätigkeiten überprüft. Die Unerheblichkeitsgrenze ist gemäß Paragraf 3 Handwerksordnung überschritten."

Wo diese Grenze zu ziehen ist, bleibt weitgehend der Willkür der Behörden überlassen. In einem Schreiben vom 25. April 2001 des damaligen parlamentarischen Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministeriums, Siegmar Mosdorf, heißt es: Uns sind "in rechtsstaatlicher Weise verbindlich festgelegte Umsatzgrenzen über den unerheblichen Nebenbetrieb nicht bekannt. Dieses Problem liegt seit längerem ungelöst auf dem Tisch".

Und so lange sticheln Kammern und Innungen, die in einzelnen Fällen als Hinweisgeber für Baustellenkontrollen, als Berater bei Hausdurchsuchungen und als Gutachter in juristischen Fragen fungieren, weiter gegen die meisterbrieflosen Handwerker. Mehr als 10 000 Bußgeldbescheide werden jedes Jahr geschrieben, schätzt Thomas Melles vom BUH; gut 2 500 Betriebe mit rund 10 000 Arbeitsplätzen müssten jedes Jahr infolge des Berufsverbots ihre Firma schließen.

Melles, 36, gelernter Zimmermann, weiß, wovon er spricht. Ihm erteilte der Rhein-Sieg-Kreis vor gut vier Jahren Berufsverbot. Grund: selbstständig ohne Meisterbrief.

In ständiger Angst vor dem Verlust ihrer beruflichen Existenz leben auch zwei Handwerker aus Thüringen. Stefan Klemm, 28, und Andreas König, 27, aus Steinbach-Hallenberg nutzen ein anderes Schlupfloch, das der ZDH Gesellen generös einräumt: das Arbeiten mit einer so genannten Reisegewerbekarte. Wichtigste Bestimmung: Der Handwerker darf seine Dienste nur anbieten, wenn er persönlich auf den Baustellen erscheint und gleich ein Angebot abgibt. 50 000 Gesellen verdienen nach Schätzung des BUH so ihren Unterhalt - und sind deshalb ständig von Verfolgung bedroht.

Obwohl das zuständige Landratsamt in Meiningen dem gelernten Dachdecker König und dem Klempner Klemm die Reisegewerbekarte mit der Nummer 09/01 "für Dacharbeiten und Baudienstleistungen aller Art" ausstellte, wurde das Duo bei einer Baustellenkontrolle der Schwarzarbeit verdächtigt. Wie immer in solchen Fällen folgte eine Hausdurchsuchung.

Jetzt argumentieren die Behörden so: Dachdeckerarbeiten seien - Reisegewerbekarte hin oder her - im Reisegewerbe gar nicht möglich. Wollten die beiden Unternehmer indes einen stehenden Betrieb führen, dann müsste eine Meisterprüfung abgelegt werden. "Doch wovon? Und wann? Die Kurse kosten bis zu 20 000 Euro und laufen über Jahre", sagt Klemm. "Und vor allem: wofür? Ich hatte nie Reklamationen. Wenn ich schlecht arbeiten würde, dann würden doch andere Firmen meine Aufträge erhalten."

Der ZDH hält dagegen: "Das Handwerk sorgt für eine erstklassige Ausbildung, die Meisterprüfung drückt die Insolvenzzahlen und schützt den Kunden vor Pfusch - all das sind die positiven Folgen des Meisterbriefs."

Für den Geschäftsführer eines norddeutschen Fotofilialisten sind dies nichts als Ausreden, um den "kartellähnlichen Status zu verteidigen". Eines seiner Geschäfte wurde durchsucht, weil zum Betrieb auch die digitale Herstellung von Passfotos gehört. "Fotografenhandwerk" entschieden die Behörden und drohten mit Bußgeldern, sollte das Geschäft nicht einen Meister für jene Arbeiten einstellen, die weitestgehend längst von einem Computer erledigt werden. Mehr noch: Die örtliche Handwerkskammer ist sogar der Auffassung, künftig müsste in jeder einzelnen der 10 Filialen ein Meister beschäftigt werden. "Unbezahlbar", sagt der Unternehmer.

Sollten die Standesvertreter auf ihrem Standpunkt beharren, will der Chef eine Firma im nahen Dänemark gründen. Deren Angestellte könnten dann ohne Meisterbrief in seinen deutschen Filialen die Fotos machen. Denn EU-Ausländer, so will es Brüssel, dürfen bei der freien Wahl ihres Arbeitsplatzes in Deutschland nicht behindert werden.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%