Arbeitsmarkt
Warten auf das Job-Wunder

Die neuen Personalserviceagenturen sollen Arbeitslosen helfen, schneller eine neue Stelle zu finden - Zu Besuch im Hartz-Land, bei Maatwerk in Dortmund.

Dortmund. Als Oliver Claßen die Büros in der Kronenstraße am 3. Juni zum ersten Mal betritt, läuft der Vertrag der Personalserviceagentur Maatwerk mit der Stadt Dortmund bereits seit einem Monat. Die Räume oben im dritten Stock sind noch leer. Die Raufasertapete leuchtet in gleißendem Weiß, auf dem Boden liegt blau-melierter Teppich. Das Büroleben beginnt gerade erst: Fast zeitgleich mit Claßen kommen die Möbelpacker.

Heute, drei Monate später, betreuen Niederlassungsleiter Claßen, 32, und seine Leute von hier aus 380 Mitarbeiter. 380 Menschen aus Dortmund sind aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden. Sie werden jetzt für neun Monate von der Personalserviceagentur (PSA) Maatwerk bezahlt. Und hoffen darauf, dass das Unternehmen ihnen einen neuen Job vermittelt - direkt oder auf dem Umweg über Leiharbeit.

Die 380 musste Claßen bis zum 31. Juli eingestellt haben. So hatte es die Stadt Dortmund Anfang Mai im Vertrag mit der niederländischen Firma festgeschrieben; und so schaffte es die PSA gerade eben. "Zum Vermitteln sind wir bis dahin gar nicht gekommen", erzählt Claßen, der selber erst seit Anfang Juni für Maatwerk arbeitet. Schubweise schickte das Arbeitsamt Arbeitslose zum Vorstellungstermin: Vortrag über Maatwerk, Einzelgespräch, Annahme oder Ablehnung.

Noch immer fehlen Claßen sechs der 25 vorgesehenen Vermittler. Aber bereits im August las er in Zeitungen und Zeitschriften immer häufiger, dass er seine Filiale eigentlich gleich wieder schließen kann. Von wegen Halbierung der Arbeitslosenzahl wie angekündigt - die Personalserviceagentur, "das so genannte Herzstück der Hartz-Reform ist tot", verkündete etwa CDU-Arbeitsmarktexperte Karl-Josef Laumann. Hessens Ministerpräsident Roland Koch sprach von einem "Schlag ins Wasser". Und die nicht gerade reform-unfreundliche "Zeit" titelte "Der Zaubertrick misslingt". Für Ende Juli meldeten die Statistiker Niedrigstwerte: bundesweit 188 Vermittlungen in feste Jobs. Im August stieg die Zahl auf 608. Die Agenturen haben von den Arbeitsämtern inzwischen gut 16 000 Arbeitslose übernommen. Es geht langsam los.

Oliver Claßens Team ist eine der derzeit 818 Personalserviceagenturen, die Deutschlands Arbeitslosen zu neuen Jobs verhelfen sollen. Die Alltagsprobleme und Hoffnungen der Dortmunder stehen stellvertretend für ein neues Konzept, das gleich zu Beginn unter viel zu hohen Erwartungen zu zerbrechen droht: ein Besuch im Hartz-Land.

Es sind Leute wie Hans-Joachim Trippe, 47, die beweisen sollen, dass die PSA funktioniert. Seit Mitte Juni ist er als Vermittler dabei. Er war einer der Ersten, kam noch vor dem Computer, den er sich mit einem Kollegen teilen muss. An diesem Morgen liegt vor ihm eine Ausgabe der "Ruhr-Nachrichten": Ein Unternehmen sucht darin zwei Mechaniker. Ein Anruf, die Antwort: "Bitte schicken Sie schriftliche Bewerbungen." Kein wirklich guter Start, ein Vorstellungstermin für seine Kandidaten wäre besser gewesen.

Trippe trägt einen grauen Anzug und eine gestreifte Krawatte, an den Rand seines Schreibtischs hat er ein exakt gefaltetes Namensschildchen mit einem Passfoto gestellt. Er ist Elektronikexperte. 30 Jahre arbeitete er für Siemens. Doch dann sei plötzlich für acht von zehn Projektleitern kein Platz mehr gewesen, erzählt er. "Da habe ich gekündigt."

Es folgten acht Monate als Abteilungsleiter bei der Zeitarbeitsfirma Manpower, die Kündigung wegen schwächelnder Nachfrage, ein Kurzengagement bei Dekra - und schließlich Arbeitslosigkeit. 140 Bewerbungen habe er geschrieben in drei Monaten, ergebnislos. "Das muss man sich mal vorstellen. Mein Alter wahrscheinlich. Dabei bin ich fitter als mancher 30-Jährige."

Trippe ist nicht der einzige Vermittler, der vorher selber arbeitslos war; und er ist auch nicht der einzige Quereinsteiger. "Wir haben Leute von Bildungsträgern oder aus dem Verleih gesucht", sagt Niederlassungsleiter Claßen. "Aber teilweise haben wir auch Seiteneinsteiger mit pädagogischer oder Vertriebserfahrung genommen."

So ist auch Dieter Klinger, 51, zu einem Neuanfang gekommen. Er hat Betriebswirtschaft studiert, stieg später als Geschäftsführer in das Unternehmen seines Vaters ein - und "das ging den Bach runter". Nach sieben Monaten ohne Job machte ihn ein Vermittler des Arbeitsamts auf Maatwerk aufmerksam, und jetzt sitzt er hier in Kombination und Krawatte, hat einen Crash-Kurs in Sachen "Das Maatwerk-Prinzip" hinter sich und vermittelt selbst Arbeit. Beziehungsweise will vermitteln.

"Sieben, acht Vorstellungsgespräche", das ist alles, was das Dreierteam für den kaufmännischen Bereich vorzuweisen hat. Klinger hat noch keine Joker gezogen wie die Kollegen nebenan mit dem Anlagenbauer, der wahrscheinlich 50 Leute für ein halbes Jahr Montage in Luxemburg benötigt - und diese anschließend weiterbeschäftigen will.

Zwei bis drei Vermittlungen pro Mitarbeiter und Monat sollen die Maatwerker schaffen. So haben es die Chefs in Helmond vorgegeben. Macht für Dortmund monatlich gut 60. "Recht ambitionierte Zahlen", sagt Claßen. "In den nächsten zwei bis drei Monaten ist das sicher noch nicht zu schaffen." Aber immerhin hätten bereits 23 externe Mitarbeiter feste Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden. Das sei "für den Anfang ein gutes Ergebnis". Denn: Viele suchen Arbeit in der Ruhrgebietsmetropole: 49 344 Arbeitslose weist die Statistik aus. Dagegen stehen 3 581 offene Stellen. "Das ist schon sehr mutig, hier als Neuling voll rein zu gehen", schwankt ein Konkurrent zwischen Respekt und böser Vorahnung.

30 bis 40 Prozent der externen Mitarbeiter soll Claßen verleihen. Er braucht das Geld. Die Fallpauschalen des Arbeitsamts reichen nicht aus, um die Kosten zu decken (siehe Beitrag "Großbaustelle Personalserviceagentur"). Vermittlungsprämien fließen bislang kaum. Einen Namen gemacht aber hat sich Maatwerk nicht als Zeitarbeitsfirma, sondern durch gute Ergebnisse bei der Vermittlung von Langzeitarbeitlosen.

In Dortmund ist der Chef der Jüngste. Oliver Claßens jugendlich fransig-gegelte Haare und die leuchtend-braunen Streifen seiner Krawatte fallen auf in der noch sterilen PSA-Welt gleich neben der Grünbrache, auf der früher die Brauerei Kronen ihr "Export" braute. Vor vier Jahren scheiterte Claßen auf dem Weg in den gehobenen Dienst des Arbeitsamts am Fach Jura. So hat er sich eben in zwei Zeitarbeitsfirmen hochgearbeitet - und wurde zum Hoffnungsträger der Schröderschen Arbeitsmarktreformen.

Für Maatwerk, übersetzt "Maßarbeit", ist das Projekt PSA eine gewaltige Herausforderung. Bis Anfang 2003 beschäftigte das Unternehmen etwa 300 Mitarbeiter. Für das Projekt PSA haben die Niederländer die Belegschaft mehr als verdreifacht. Der Personalbedarf ist hoch. Jeder Vermittler kümmert sich um 17 externe Mitarbeiter. Beim Arbeitsamt beträgt diese Quote bis eins zu 700.

Die Maatwerk-Führung hatte die Expansion nicht so rasant geplant. "Wir haben zwei bis fünf Prozent Marktanteil erwartet", sagt Geschäftsführer und Inhaber Jos Berends. "Jetzt sind es 25 Prozent." Fast überall, wo sich Maatwerk bewarb, erhielten die Niederländer auch den Zuschlag. "Maatwerk war offenbar in der Regel der wirtschaftlichste Anbieter", heißt es trocken bei der Bundesanstalt für Arbeit.

Das Resultat: Die Firma hat 9 700 Arbeitslose übernommen. "Wir erwarten ein gutes Geschäft", sagt Berends. "Wir sind auch mit einer schwierigeren Klientel klargekommen." Aber ein Flop, das weiß er genau, würde teuer. "Wenn es sich nicht rechnet, hören wir wieder auf." Das gilt auch für Dortmund.

Einer der 9 700 neuen Maatwerk- Beschäftigten sitzt an diesem Morgen vor Hans-Joachim Trippe: Martin Mummelthey, 25, Dachdeckergeselle, zuletzt als Lagerarbeiter tätig und seit 2001 arbeitslos. Seit Mitte Juli ist er bei Maatwerk, mindestens einmal die Woche trifft er sich mit Trippe. Aber noch konnte der kein Angebot vorlegen. "Persönlicher Eindruck: gut +" und "Rücken, nicht akut" steht auf einem Bogen, den Trippe nach dem ersten Gespräch mit Mummelthey ausgefüllt hat. Mehr als 25 Kilo darf er nicht heben.

Mummelthey kann die Realität nicht viel anhaben. Er kennt sie, spätestens seit ihm auch ein neunmonatiger Lagerverwalter-Lehrgang inklusive Praktikum nicht weiterhalf. Wie gepanzert sitzt er in seiner schwarzen Lederjacke auf einem Stuhl und sagt, "man macht sich schon Hoffnung, dass es jetzt schneller vorangeht. Aber ich habe ja gesehen, wie schwierig die Situation ist."

Finanziell jedenfalls hat Mummelthey sich verbessert: Maatwerk zahlt ihm nach Zeitarbeitstarif 7,20 Euro die Stunde, das bringt netto 819 Euro im Monat. Vom Arbeitsamt hatte er 650 Euro bekommen.

Heraus aus Trippes Büro, 15 Meter entlang an weißen Wänden und Türen, an die mit Tesa-Film selbst gedruckte Namensschilder geklebt sind, vorbei an einer Serie kleinformatiger Gemälde wie "Eruption, Mischtechnik" und "Feuer, Aquarell", zu kaufen für Preise um 40 Euro; durch den Eingangsbereich hindurch, in dem neben einem Kopierer und ein paar Stühlen eine Thermoskanne Kaffee, ein Glas Kaffeeweißer und Zucker auf einem Tisch stehen; fast am Ende eines zweiten Gangs hinein in ein Büro, dessen Wände ebenso kahl sind wie bei Hans-Joachim Trippe.

Dort sitzt Heike Alexander, 35. Seit vier Jahren sucht sie Arbeit, den letzten Vollzeitjob hatte sie mit 23. Dann bekam sie einen Sohn, gab ihre Stelle als Erzieherin auf und saß später in einer Discothek an der Kasse. Geblieben ist ihr ein Job als Putzfrau, täglich eine Stunde in einer Kneipe. Teilzeitarbeit als Reinigungskraft sucht sie. Erzieherinnen wie sie wolle niemand: "Es gibt zu viele, die lange im Beruf sind.

"Keinen Bewerbungsvorschlag, kein Vorstellungsgespräch" habe sie in all den Jahren vom Arbeitsamt erhalten, erzählt sie und ringt sich eine entrüstete Miene ab. "Dabei habe ich immer gesagt: Ich nehme alles." Aber dann kam plötzlich der Brief, sie möge sich bitte bei Maatwerk melden, und jetzt sitzt sie in Jeans und schwarzer Strickjacke im Dortmunder Maatwerk-Büro und fixiert durch eine Haartolle vor ihrem rechten Auge ihren Berater. "Herr Stadthaus guckt für mich", sagt sie. "Ich gucke für mich. Das klappt schon." Immerhin ist sie relativ flexibel. 30 bis 40 Minuten Fahrzeit mit dem Auto, das sei schon okay, sagt sie. "Das ist fast schon Traumklientel", kommentiert Herr Stadthaus.

Noch hat er keine Stelle für Heike Alexander. "Aber das wäre vielleicht auch noch ein bisschen früh", warnt sie. Zu schnell soll es dann doch nicht gehen mit der neuen Stelle. Für die nächsten Wochen ist ein Seminar zum Thema Vorstellungsgespräche angekündigt. "Das möchte ich vorher noch machen."

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