Arbeitsmarkt
Zeitarbeit ist keine Wunderwaffe

Die Hartz-Kommission traut sich zu, mit ihren Vorschlägen die registrierte Arbeitslosigkeit von derzeit vier Millionen in den nächsten drei Jahren auf fast zwei Millionen reduzieren zu können. Damit die Rechnung aufgehen kann, soll allein der Ausbau der Zeitarbeit die Zahl der Arbeitslosen um 780 000 verringern. Verglichen mit anderen europäischen Ländern, insbesondere mit den Niederlanden, aber auch mit Frankreich und Großbritannien, ist Deutschland bei der Zeitarbeit ein Entwicklungsland.

Zeitarbeitsmarkt in Deutschland schrumpft sogar

Während in England und Frankreich der Anteil der Zeitarbeitskräfte an allen Beschäftigten bei zirka 2,5 Prozent liegt und in den Niederlanden sogar mehr als vier Prozent der Beschäftigten zeitlich befristet arbeiten, sind es in Deutschland knapp ein Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. In den Niederlanden beschäftigen Zeitarbeitsfirmen mehr als 700 000 Menschen ganztags oder in Teilzeit. In Deutschland waren es dagegen Ende Juni 2001 lediglich 357 000. In der gut beschäftigten niederländischen Wirtschaft können Zeitarbeitsfirmen die Kräftenachfrage nicht decken, in Deutschland schrumpft dagegen konjunkturbedingt auch der Zeitarbeitsmarkt (Handelsblatt vom 28.6.2002). Dabei müsste der Zeitarbeitsmarkt boomen, wenn sich das Beschäftigungswunder des Peter Hartz erfüllen soll.

Stilles Eingeständnis des Kanzlers

Nach den Plänen der Hartz-Kommission sollen den Arbeitsämtern Personalservice-Agenturen angegliedert werden. Sie sollen Arbeitslose als Zeitarbeiter vermitteln. Die Service-Agenturen bündeln wie die bereits am Markt arbeitenden Zeitarbeitsfirmen die Nachfrage nach Zeitkräften, stellen die zuvor Arbeitslosen an und übernehmen das Kündigungsschutzrisiko. Das die Zeitarbeitnehmer entleihende Unternehmen wird so vom Kündigungsschutz entlastet, die Beschäftigungsschwelle gesenkt und der Arbeitsmarkt flexibilisiert. Der Kanzler, der das Hartz-Konzept über den grünen Klee lobt, erkennt damit an, dass der Kündigungsschutz ein Einstellungshemmnis sein kann.

Damit der Masterplan funktioniert und die Nachfrage nach Zeitkräften steigt, soll der Gesetzgeber künftig auch die mehrmalige Überlassung zum gleichen Entleihunternehmen ermöglichen und das Verbot der Leiharbeit im Bauhauptgewerbe aufheben.

Drehtüreffekt wäre schädlich

Wenig gewonnen wäre indes, wenn es zu einem Drehtüreffekt käme, wenn die Unternehmen Dauerbeschäftigte durch ganz überwiegend kurzfristig beschäftigte Zeitarbeitskräfte ersetzten. Ob sich die Substitution von Dauerbeschäftigten verhindern und zugleich das Arbeitsvolumen insgesamt durch attraktivere Bedingungen für die Zeitarbeit erhöhen lässt, hängt von den Tarifverträgen ab, die die Serviceagenturen mit den Gewerkschaften abschließen müssen. Sollten diese Tarifverträge für Zeitarbeitskräfte den gleichen Lohn wie für Stammbeschäftigte vorschreiben, würde dies die Nachfrage bremsen. Die durchschnittlichen Einkommen von Leiharbeitnehmern liegen etwa 30 Prozent unter den Einkommen von Dauerbeschäftigten.

Wenn sich für die Unternehmen der Vorteil der Zeitarbeit gegenüber der Dauerbeschäftigung auf die befristeten Einsatzmöglichkeiten je nach Bedarf und die Möglichkeit reduziert, potenzielle Arbeitnehmer kennen zu lernen, ohne ein Kündigungsschutzrisiko zu haben, wird die Nachfrage nach Zeitkräften allenfalls im Zuge einer konjunkturellen Erholung steigen, aber kaum zusätzliche Nachfrage entstehen. Diese könnte sich dagegen entwickeln, wenn Unternehmen auf Grund des Einsatzes von Zeitarbeitskräften kostengünstiger ihre Produkte und Leistungen anbieten und bei Auftragsspitzen weniger stark in Überstunden ausweichen müssten.

"Mismatch-Problem"

Eine solche Steigerung des Arbeitsvolumens setzt aber auch voraus, dass die Zeitarbeitskräfte über die von den Unternehmen benötigten Qualifikationen verfügen. Die Qualifikationen der Arbeitslosen und die Qualifikationen, die für die Besetzung offener Stellen notwendig sind, passen allerdings häufig nicht zusammen. Dieses "Mismatch"-Problem verringert auch die Chance, die hohe Zahl von Überstunden durch den verstärkten Einsatz von Zeitkräften zu senken.

Gegenwärtig erbringen die am Markt arbeitenden Zeitarbeitsfirmen eine beachtliche Integrationsleistung. 40 Prozent aller Zeitarbeitskräfte waren zuvor arbeitslos, und 30 Prozent der Zeitkräfte werden in ein Dauerbeschäftigungsverhältnis übernommen. Aber solche Integrationsquoten lassen sich nicht linear fortschreiben, wenn das Arbeitskräfteangebot durch die Service-Agenturen um viele Hunderttausende steigt. Die Eingliederungszuschüsse, mit denen offenbar die Übernahme von zuvor arbeitslosen Zeitarbeitskäften in eine Dauerbeschäftigung gefördert werden soll, sollten nicht überschätzt werden. Solche Zuschüsse werden bereits bei der Einstellung von Langzeitarbeitslosen, älteren oder gesundheitlich beeinträchtigten Arbeitslosen gezahlt. Mit Hilfe dieser Zuschüsse haben 2002 in Westdeutschland 62 700 Arbeitslose einen Arbeitsplatz gefunden. Dies waren 23 Prozent weniger als im Jahr 2000.

Die Befürchtung drängt sich auf, dass die Agenturen auf Grund einer nur verhalten wachsenden Nachfrage zu Beschäftigungs- und Weiterbildungsgesellschaften unter neuem Namen werden. Statt Arbeitslosengeld oder Unterhaltsgeld beziehen die Arbeitslosen dann ein Gehalt der Personalservice-Agenturen. Für die Regierungspolitiker hätte dies allerdings einen Vorteil: Die in den Servicegesellschaften Scheinbeschäftigten tauchten in der Arbeitslosenstatistik nicht mehr auf.

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