Architektenwettbewerb
Schönheitsoperation für Europas hässliche Fassade

Das Brüsseler Europaviertel rund um die Rue de la Loi gilt als eine der hässlichsten Gegenden der Stadt. Die einst prächtigen Bürgerhäuser der Architekten-Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts mussten seelenlosen Bürogebäuden weichen. Nun hat Brüssel einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben - das Viertel soll umgestaltet werden.

BRÜSSEL. Abends und am Wochenende sind die grauen Straßenschluchten menschenleer. Die Brüsseler meiden das triste Viertel, das vielen als Sinnbild für die Entfremdung der EU von ihren Bürgern erscheint.

Jahrzehntelang hat Europas Institutionen ihr trauriger Beitrag zum Brüsseler Stadtbild wenig geschehrt. Straßenzug um Straßenzug lebten sie rücksichtslos ihren Expansionsdrang aus, unterstützt von Belgiens laxem Baurecht. Doch nun, da Europa unter Liebesentzug leidet, gelobt die EU-Kommission Besserung.

Gestern stellten Kommissionsvizepräsident Siim Kallas und der Ministerpräsident der Region Brüssel, Charles Picqué, einen gemeinsamen "Leitplan für die Erneuerung des Europaviertels" vor. Wohngebäude, Geschäfte und Kultureinrichtungen sollen das monotone Straßenbild beleben, vielleicht sogar ein Tunnel die Rue de la Loi von ihren Staus befreien. Die Region Brüssel will dazu einen Architektenwettbewerb ausschreiben. In vier Jahren, so Picqué, würden die endgültigen Pläne stehen.

Wer die Arbeitsweise der belgischen Behörden kennt, der mag an diesem Zeitplan Zweifel haben. Doch das hinderte Kommissionsvize Kallas gestern nicht daran, schon einmal die historische Bedeutung des architektonischen Paradigmenwechsels zu feiern. "Wir streifen endgültig das Image eines Verwaltungsghettos ohne Leben und ohne Bezug zur Bevölkerung ab", frohlockte Kallas und betonte, die Kommission werde bei künftigen Bauvorhaben mehr Fingerspitzengefühl zeigen.

Doch das hat Europas Megabehörde mit ihren inzwischen 22 000 Mitarbeitern in Brüssel schon öfter versprochen. Bisher ohne erkennbare Folgen. Und ihr Expansionsdrang bleibt ungebrochen. In den kommenden drei Jahren rechnet die Kommission mit einem zusätzlichen Bürobedarf von 35 000 Quadratmetern, um mehr als tausend neue Beamte aus den Beitrittsländern aufzunehmen.

Kallas stellte deshalb gestern zugleich eine neue Strategie zur Immobilienpolitik der EU-Behörden vor. Denn nicht nur Bürger und Stadtplaner üben an ihr Kritik, sondern auch der Europäische Rechnungshof. Die Kommission verschwende durch den Verzicht auf Ausschreibungen Millionenbeträge, treibe durch ihre Konzentration auf das Europaviertel die Preise hoch und sitze wegen Missmanagements auf unnötigem Leerstand, rügten die Rechnungsprüfer im Juli. 207 Mill. Euro jährlich gibt allein die Kommission für Kauf und Miete ihrer Gebäude aus, die anderen EU-Institutionen nochmals 325 Millionen.

Kallas will künftig Kosten sparen, indem er die Kommission auf wenige Standorte mit mindestens 50 000 Quadratmetern Fläche konzentriert. Solche Megabürokomplexe werden freilich kaum die versprochene Auflockerung des Europaviertels bringen. Auch sind bisher weder das Europaparlament noch der Europäische Rat als Vertretung der Mitgliedsländer bei der Aktion schöneres Brüssel mit im Boot. Dabei zeichnen sich beide Institutionen durch mindestens ebenso hässliche Gebäude aus. Eine aktuelle Ausstellung in Brüssels Kulturzentrum Bozar zur Zukunft des Europaviertels weiß Rat. Die Ausstellungsmacher des renommierten Rotterdamer Stadtplanungsinstituts Berlage empfehlen, das Europaparlament einfach abzureißen.

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