ARD und ZDF pochen auf Vorkaufsrecht
Fritz Pleitgen: „Kein schöner Anblick“

Der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen über teure Fußballrechte und den Kirch-Kollaps.

Herr Pleitgen, KirchMedia-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems will ARD und ZDF von der Zweitverwertung der Bundesliga aussperren, Sie hätten zu wenig geboten; da könne er die Rechte ja gleich ans hauseigene DSF geben. Legen Sie nach?

Warum sollten wir? KirchMedia ist doch mit gutem Beispiel vorangegangen. Das Unternehmen zahlt für die Bundesliga fast 25 Prozent weniger, als in einem früheren Vertrag vereinbart worden war. Auch Sat 1 zahlt nach Auskunft seines Chefs, Urs Rohner, 25 Prozent weniger. Da ist es doch völlig normal, zu sagen, wir schließen uns diesen guten Beispielen an und zahlen auch weniger an KirchMedia.

Sind das Pokerspielchen von Herrn Ziems?

Weiß ich nicht! Unser Angebot ist angemessen. Es geht hier schließlich nur um eine Nachverwertung.

KirchMedia rechnet damit, 35 Millionen Euro von ARDund ZDF zu bekommen...

Das ist völlig utopisch. ARD und ZDFhaben bisher gemeinsam 30 Millionen Euro bezahlt. Warum sollen wir drauflegen, wenn KirchMedia erheblich weniger bezahlt? Der Gebührenzahler würde sich bedanken, ein insolventes Privatunternehmen aus dem Bankrott zu retten.

Warum halten Sie es bei der WM 2006 nicht genauso? Da werden ARD und ZDF doch an das gleiche Unternehmen horrende Summen zahlen müssen, die letztlich vom Gebührenzahler kommen.

ARD und ZDF werden keine horrenden Summen zahlen. Im Übrigen ist die Fußball-WM etwas ganz anderes als die Bundesliga. Es geht bei der Weltmeisterschaft auch nicht um Nachverwertung, sondern um Liveübertragungen. Das Publikum will jedenfalls die Spiele bei ARD und ZDF sehen.

Haben Sie die alle gefragt?/



Auch Sie werden die enorm hohen Einschaltquoten während der WM registriert haben, mit denen niemand gerechnet hat. Die Zuschauer schreiben uns immer wieder, dass sie erwarten, für ihre Gebühren Großereignisse wie die Fußball-WM bei uns zu sehen. Bei öffentlichen Veranstaltungen, auf denen ich ankündige, dass wir uns um die WM-Rechte bemühen, wurde dies stets mit Beifall quittiert.

Wäre es nicht im Interesse der Gebührenzahler, angesichts von bis zu 250 Millionen Euro Kosten auf die TV-Rechte 2006 zu verzichten und dazu beizutragen, dass die Gebühren nicht noch weiter steigen? Übertragen könnten die WM auch RTL und Sat .

Wieso kommen Sie auf 250 Millionen Euro? Für unsere Option auf die WM 2006 kommt eine solche Summe überhaupt nicht infrage. Wir wollen für die Weltmeisterschaft auch kein Extrageld vom Gebührenzahler. Sollten ARD und ZDF andererseits verzichten, würde die Gebühr nur geringfügig entlastet. Aber viel lieber will die große Mehrheit die WM bei ARD und ZDF sehen. Das gehört zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag. Im Übrigen wird ein Großteil der Spiele 2006 nach 20 Uhr angepfiffen und deshalb ohne Werbung laufen, was beim Publikum nicht schlecht ankommt.

Vielleicht ohne lästige Werbung, dafür aber mit lästigem Sponsoring. Die Werbeeinnahmen der ARD bei der Fußball-WM 2002 waren viel niedriger als erhofft. Was hat der Gebührenzahler denn tatsächlich netto bezahlt?



Nach der vorläufigen Abrechnung ist von etwa 2,6 Millionen Euro pro Spiel auszugehen, inklusive Produktionskosten. Mit diesem Geld ist auch die umfangreiche Hörfunkberichterstattung gesichert worden. Kaufmännisch hat sich der Einsatz auch deshalb gelohnt, weil nicht nur das Spiel übertragen wurde, sondern zusätzlich drei bis vier Stunden Rahmenprogramm mit überdurchschnittlichen Einschaltquoten.

Und was ist mit den Werbeeinnahmen?

Die Werbeeinnahmen sind nicht weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben, wie Sie behaupten, hätten aber höher sein können, wenn wir härter rangegangen wären. Wollten wir aber nicht! Dann ist da noch die Rate von 48 Millionen Euro. Die ist fällig, wenn der nächste Vertrag abgeschlossen ist. Sie wirkt gleichzeitig als Vorauszahlung für die WM 2006. Denn wir haben beide Weltmeisterschaften als Paket gesehen.

KirchMedia-Chef Ziems spricht aber nach eigenen Angaben bereits mit RTL und Sat 1 über die WM 2006, nur nicht mit Ihnen. Wir dachten, Sie hätten ein Erstverhandlungsrecht?

Das bleibt auch so. An der ARD/ZDF-Option ist nicht vorbeizukommen. Jeder hat seine Aufgabe: bei Kirch wie bei uns. Die gegenwärtige KirchMedia-Führung muss Geld beschaffen und kann auf Sentimentalitäten keine Rücksicht nehmen. Andererseits wissen wir, was wir wollen: alle Spiele der WM 2006 im Free-TV. Daran würden wir RTL und Sat 1 zu Einkaufspreisen beteiligen, wenn sie interessiert sind.

Alle 64 Spiele der WM 2006 live? Darauf kann sich KirchMedia nicht einlassen, ohne Premiere zu schaden - ein gordischer Knoten.

Die Krux ist in der Tat die Verquickung von Rechteinhaber und Sendern. Das Beste für den Markt wäre, wenn diese interne Konzernbindung endlich gekappt würde. Dann könnte ein unabhängiger Rechteinhaber den Markt bedienen. Das wäre besser als jetzt bei der WM 2002, bei der Konzerninteressen über das Interesse des Publikums gestellt wurden, das den überwiegenden Teil der Spiele nicht live sehen konnte. Premiere und Sat 1 hat das auch kaum genutzt, wenn man sich die Abo-Zahlen oder die Quoten ansieht.

Glauben Sie, dass ein Bezahlsender in Deutschland überhaupt eine Chance hat?

Pay-TV könnte in Deutschland eine Chance haben. Allerdings sind die Grenzen, wie man in anderen Ländern sieht, eng gesteckt. Mit Bundesliga und Porno wird man sicher Abonnenten finden. Aber auf anderen Feldern, die einmal als lukrativ angesehen wurden, wie Formel 1, Champions League und Spielfilmen, wird es weit schwieriger, Pay-TV schmackhaft zu machen. Und der wahre Spitzenfußball wie EM, WM oder Länderspiele entfällt für das Bezahlfernsehen ganz, weil entweder das Gesetz oder das Publikum dagegen sind.

Macht etwa Sepp Blatter, Chef des Weltfußballverbands Fifa, nun Druck bei KirchMedia?

Kann ich nicht sagen, aber er wird sicher Wünsche äußern, denn optimal ist es mit den Zusammenbrüchen von Kirch und der Sportrechteagentur ISL nicht gelaufen. Blatter will sicher 2006 eine WM als ungetrübtes Volksfest erleben. Und das wird sie gewiss nicht, wenn wieder rund 40 Spiele im Pay-TV verschwinden.

Dann müssen sich die Leute wohl Premiere-Abos kaufen...

Dazu wollen Sie die Leute zwingen? Fußballfans werden dem Pay-TV was husten.

...Gesundheit. Wir zwingen ja auch niemanden, sich ein Auto zu kaufen oder einen Anzug.

Das können Sie nun wirklich nicht miteinander vergleichen. Abgesehen davon: Wofür gibt es eine Europäische Fernsehrichtlinie? Da steht drin, dass bestimmte Ereignisse im Free-TV gezeigt werden müssen. In Großbritannien beispielsweise hat die Regierung daraus die Konsequenz gezogen, dass alle WM-Spiele im Free-TV gezeigt werden müssen. Und dabei gibt es in Großbritannien mit BSkyB ein wesentlich erfolgreicheres Pay-TV als hier zu Lande.

Sollten die Ministerpräsidenten auch alle 64 WM-Spiele unter Artenschutz stellen?

Am besten ja, doch für die WM 2006 käme eine Anderung des Rundfunkstaatsvertrages zu spät. KirchMedia hat die WM-Rechte für 2006 nach unseren Informationen für Deutschland für 140 Millionen Schweizer Franken erworben. Was hat der DFB davon, wenn diese Rechte sündhaft teuer weiterverkauft werden? Nichts! Was hat das Publikum davon? Nichts! Nur der Konzern würde absahnen. ARD und ZDF sind bereit, entweder über die European Broadcasting Union oder allein mit der KirchMedia über alle Spiele zu verhandeln. Ein Preis, der allen Vorteile bringt, ist immer noch drin.

Über eine Trennung von Rechtehandel und Sendern würde sich sicher auch ProSieben-Chef Urs Rohner freuen, weil er dann freiere Hand beim Einkauf von Filmrechten hätte...

Die Programmveranstalter, ob sie nun von kommerziellen Sendern kommen oder von öffentlich-rechtlichen, sind in vielen Dingen gleicher Meinung. Der Versuch des integrierten Medienunternehmens, wie er von Kirch betrieben wurde, konnte nur zulasten des Publikums und der Programmveranstalter gehen.

Kirch war zu sehr Filmhändler statt Programmmacher?

Er war ein Unternehmer, der alles haben wollte. Er verfolgte seinen Traum, den Markt alleine in den Griff zu bekommen, von unten nach oben, schön integriert und vertikal, vom Studio bis zum Satelliten. Das hat nicht geklappt. Kirch war ein Mann der Visionen, die leider zulasten anderer zu gehen drohten. Heute liegt sein Unternehmen in Scherben - kein schöner Anblick!

Möglicherweise bekommen seine Sender bald einen neuen Chef, denn für den ProSieben Sat 1-Mehrheitsgesellschafter KirchMedia interessieren sich internationale Konzerne. Fürchten Sie Murdoch oder Berlusconi?

Was heißt fürchten? Nicht akzeptabel wäre allerdings, wenn ein ausländischer Ministerpräsident über einen von ihm gekauften Sender in Deutschland Politik machen würde. Auch Murdoch würde ich nicht als eine Bereicherung unserer Fernsehlandschaft betrachten.

Andreas Henry/Peter Steinkirchner

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