Argentinien fühlt sich isoliert
Brasilien feiert Finanzspritze des IWF

Mit großer Erleichterung haben Regierung und Finanzmärkte in Brasilien auf das überraschend großzügige Hilfsabkommen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) reagiert. Doch ob der Kredit tatsächlich seine stabilisierende Wirkung auf das krisengeschüttelte Land entfaltet, hängt jetzt von der Opposition ab.

SAO PAULO. Gigantische 30 Mrd. $ hat der Internationale Währungsfonds (IWF) Brasilien in Aussicht gestellt. Ob das Geld jedoch den Vertrauensschwund in die Währung der dominierenden südamerikanischen Wirtschaftmacht beenden kann, hängt jetzt nicht von der Regierung, sondern von den führenden Oppositionspolitikern ab. Im Oktober finden Präsidentschaftswahlen statt und derzeit liegen zwei sozialistische Kandidaten vorne.

Der brasilianische Finanzminister Pedro Malan betonte bereits, dass er davon ausgehe, dass alle Präsidentschaftskandidaten das Finanzpaket grundsätzlich unterstützen. In der Tat haben sich sowohl der Regierungskandidaten José Serra als auch die beiden führenden Oppositionskandidat Luís Inácio "Lula" da Silva und Ciro Gomes zustimmend zu der Übereinkunft geäußert. Doch haben sie auch keine andere Chance. "Was der IWF in Brasilien macht, ist eine Art Erpressung", sagt der nordamerikanische IWF-Experte Paul Blustein. Wenn der zukünftige Präsident das Abkommen nicht akzeptiere, werde er allein für den Kollaps Brasiliens verantwortlich gemacht.

Indirekt nimmt der IWF in dem Abkommen den künftigen Präsidenten bereits in die Pflicht. Wer auch immer die Wahl gewinnt wird die ambitionierten Sparvorgaben umsetzen müssen. In den kommenden drei Jahren, so die Bedingung, soll Brasilien einen Primärüberschuss von 3,75 % des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften, also wie bereits in den letzten drei Jahren einen deutlichen Überschuss im öffentlichen Haushalt sicher stellen ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen.

Das neue Stand-by-Abkommen, welches im September vom Board des IWF abgesegnet werden soll, läuft über 18 Monate, 24 der 30 Mrd. $ werden Anfang 2003 ausgezahlt und stehen dem neuen Präsidenten zur Verfügung. Nur 6 Mrd. $ können Regierung und Notenbank unmittelbar zur Stützung der Währung verwenden, um starke, kurzfristige Wechselkursausschläge wie in der vergangenen Woche zu verhindern. Zusätzlich darf Brasilien allerdings 10 Mrd. $ mehr als bisher an Devisen auf den Märkten einsetzen, um die Dollarnachfrage zu decken. Ende Juli besaß Brasilien nur noch rund 24 Mrd. $ an Devisenreserven.

Die Zeit bis zum ersten Wahlgang am 6. Oktober birgt aber noch große Risiken. Bankvolkswirte bezweifeln, ob die beruhigende Wirkung des Abkommens so lange trägt. "Der Kredit wird kurzfristig die Nervosität stoppen", beobachtet die Dresdner Bank Lateinamerika, "doch ob das länger hält, entscheidet sich, wie bisher, in der Politik Brasiliens." Dennoch werten Wirtschaft und Politik das IWF-Abkommen positiv. Notenbankchef Arminio Fraga feierte den IWF-Kredit als großen Erfolg. Der Umfang des Abkommens spreche für sich und sei ein Beleg der Unterstützung seines Landes durch die internationale Gemeinschaft. "Das zeigt das Prestige, welches Brasilien beim Fond nach dreijähriger Haushaltsdisziplin aufgebaut hat", sagt auch Roberto Setubal, Präsident von Itaú, der zweitgrößten Privatbank des Landes.

Das war früher nicht so: Brasilien galt in Washington nach rund einem Dutzend vor allem während der achtziger Jahre gescheiterter Abkommen als "chronisch unzuverlässig". In der Regierung von Fernando Cardoso änderte sich das jedoch: Beide Abkommen mit dem IWF in der achtjährigen Amtszeit Fernando Cardosos sind gut gelaufen: Am internationalen Großkredit während der Russlandkrise von 1998 von 41,5 Mrd. $ hatte sich der IWF mit 18 Mrd. $ beteiligt. Vom Stützkredit in Höhe von 15,7 Mrd. $ im Oktober 2001 wegen der Argentinienkrise hat Brasilien bisher rund 10 Mrd. $ in Anspruch genommen.

Im Nachbarland Argentinien dagegen verstärkt sich nach den schnellen und großzügigen Kredithilfen für Brasilien und Uruguay das Gefühl der internationalen Isolation. Zwar äußerte sich US-Finanzminister Paul O`Neill in Buenos Aires verhalten positiv. Doch letztendlich habe sich in den sechs Wochen seit den letzten Verhandlungen zwischen IWF und dem Schuldnerland "nicht viel geändert". Argentinien müsse für ein Abkommen mit dem Fond "angemessene Wirtschaftspolitiken" schaffen, also "ein Fiskalprogramm, verlässliche monetäre Politik sowie eine solides Finanzsystem". Dennoch hofft Argentinien jetzt, wenigstens die Rückzahlung von 2,8 Mrd. $ aufschieben zu können, die das Land im September an den IWF und andere multilaterale Banken zahlen muss.

Quelle: Handelsblatt

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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