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Argentinien will wegen Finanzkrise Defizit eliminieren

Die Furcht vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit Argentiniens und deren Folgen lösten am Mittwoch eine Verkaufswelle an den Finanzmärkte in Argentinien und vielen anderen Schwellenländern aus

Reuters Buenos Aires. Argentiniens Regierung will angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise des Landes das Haushaltsdefizit mit sofortiger Wirkung auf Null reduzieren. "Ab diesem Monat, ab sofort gilt ein Null-Defizit", sagte der argentinische Wirtschaftsminister Domingo Cavallo am Mittwoch im argentinischen Fernsehen und kündigte einen Kampf gegen Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft, politische Ausgaben und Ineffektivität an. Die Furcht vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit Argentiniens und deren Folgen lösten am Mittwoch eine Verkaufswelle an den Finanzmärkte in Argentinien und vielen anderen Schwellenländern aus. Viele US-Analysten gehen inzwischen davon aus, das Argentinien seine Staatsschulden nicht mehr lange bedienen kann. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert dagegen für die kommenden Wochen eine Besserung der Lage.

Auslöser der Verkaufswelle war die Aufnahme neuer Staatsschulden, bei denen Argentinien wegen der Investorensorgen die höchsten Zinsen seit 1996 zahlen musste. "Geld zu solchen Zinssätzen aufnehmen zu müssen, bedeutet, dass wir keinen Spielraum mehr haben", räumte Cavallo ein. Da neue Kredite zur Bedienung der Schulden nach Regierungsangaben nicht möglich sind, werde die Ankündigung von Ausgabenkürzungen im zweiten Halbjahr von 1,5 Milliarden Dollar geplant. "Wir können einen ausgeglichenen Haushalt erreichen und wir erreichen ihn mit dem Kampf gegen Steuerhinterziehung, gegen die Schattenwirtschaft, gegen politische Ausgaben und gegen Ineffektivität", sagte Cavallo.

Die Zuspitzung der Wirtschaftskrise hinterließ tiefe Spuren an den internationalen Finanzmärkten. Währungen und Staatsanleihen von Ländern wie Polen, Südafrika und Brasilien verbuchten herbe Verluste. "Alles geht den Bach runter, wohin man auch schaut", sagte ein Händler in London. Durch die Flucht der Investoren in sichere US-Staatsanleihen verloren brasilianische Staatsanleihen über drei Prozent. Der Wert der polnischen Zloty fiel zwischenzeitlich um vier Prozent auf ein neues Sieben-Monatstief, der chilenische Peso und der brasilianische Real fielen auf historische Tiefstände. "Die Volatilität wird brutal bleiben", prognostizierte ein Londoner Händler.

Besonders heftig reagierten die argentinischen Finanzmärkte. Richtungweisende argentinische Staatsanleihen fielen am Donnerstag in London fünf Prozent unter ihren New Yorker Vortagesschluss. Die Zinsen im argentinischen Interbankenhandel zogen drastisch auf 35 Prozent nach noch 20 Prozent zum Schluss des Vortages an. Der richtungweisende Aktienindex MerVal fiel vorübergehend um rund sieben Prozent. Bei der Auktion kurzfristiger Staatsanleihen musste Argentinien mit etwa 14 Prozent die höchste Rendite seit fünf Jahren bezahlen. Analysten hatten zwar mit einer Rendite von 12 bis 15 Prozent gerechnet. Besonders das geringe Interesse der Investoren an längerfristigen Papieren habe aber Aufmerksamkeit erregt, sagte Pedro Rabasa, Volkswirt der Scotiabank Quilmes in Buenos Aires.

Analysten befürchten eine ihrer Ansicht nach folgenschwere Abwertung des an den Dollar gekoppelten argentinischen Peso oder die Zahlungsunfähigkeit des Landes, das sich seit drei Jahren in einer wirtschaftlichen Krise befindet. Argentinien ist die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas und ist mit 128 Milliarden Dollar verschuldet. Das Land sieht sich nach Angaben von Analysten einem Dilemma gegenüber: Die hohen Zinsen - Folge des von Investoren als hoch eingestuften Risikos - werden nicht fallen, bis es Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung gibt. Eine Erholung hängt jedoch von sinkenden Zinsen ab.

Viele Analysten an der Wall Street gehen inzwischen von einer Zahlungsunfähigkeit und einer Umstrukturierung der Schulden Argentiniens aus, auch wenn sie dies nicht öffentlich zugeben wollen. Viele Banken spielten bereits seit längerem solche Szenarien durch, sagten Analysten, die nicht namentlich genannt werden wollen. "Die ganze Wall Street verhält sich wie die Untertanen, die sich nicht trauen, ihrem König zu sagen, dass er keine Kleider trägt", sagte Charles Calomiris, Wirtschaftsprofessor an der Columbia Business School. Der Lateinamerika-Chef des IWF, Claudio Loser, sagte dagegen, er rechne mit einer baldigen Erholung. "Die Situation in Argentinien wird sich in den kommenden Wochen verbessern, ohne eine Zahlungsunfähigkeit, mit Haushaltsdisziplin und einer Fortsetzung der Konvertibilität (zwischen Peso und Dollar)", sagte Loser im Anschluss an ein Gespräch mit dem argentinischen Finanzminister Pedro Malan.

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