Argentiniens Ex-Wirtschaftsminister greift aus der Haft seine Nachfolger an
Cavallo wehrt sich gegen Schuldzuweisungen

Ein tieferer Sturz ist für einen Politiker kaum denkbar. Gestern noch in der ganzen Welt umworben, heute hinter Gittern: Domingo Cavallo, bis Jahreswechsel Argentiniens Superminister, soll als Sündenbock für die katastrophale Politik des Landes geradestehen - doch er weist den Schwarzen Peter zurück.

BUENOS AIRES. 14 Kilo leichter und an den Schläfen plötzlich ergraut, doch Domingo Cavallo ist ganz der Alte. Die Neuordnung der Schuldenlast Argentiniens sei gegen Ende vergangenen Jahres fast gelungen, die Abwendung des Wirtschaftskollapses des Landes fast abgewendet gewesen, als ihm einflussreiche Landespolitiker wie der heutige Präsident Duhalde den Teppich unter den Füßen wegzogen, sagt Lateinamerikas prominentester Häftling dem Handelsblatt.

Diese Politiker hätten geglaubt, durch eine Abwertung und die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit weitere Etateinschnitte vermeiden zu können. Doch das Ergebnis ist ein Desaster, sagt Cavallo, der jetzt als Sündenbock für die Wirtschaftsmisere herhalten soll.

Seitdem Cavallo vor mehr als zehn Jahren als Wirtschaftminister unter Präsident Menem die Dollar-Bindung des Pesos einführte und damit die Basis für Argentiniens Wirtschaftswunder in den 90ern legte, galt er im Land, aber auch in der Fachwelt als Lichtgestalt. Doch eine ausufernde Verschuldung unterhöhlte das System. Und als nach der Abwertung in Brasilien die Rezession hinzukam, rutschte Argentinien in die Krise.

Im Frühjahr 2001 trat Cavallo noch einmal als Wirtschaftsminister an, um sein eigenes System zu retten, doch vergeblich: Nach heftigen Protesten traten Präsident und Regierung im Dezember zurück. Wenige Wochen später wird Cavallo verhaftet: Er soll für illegale Waffenverkäufe unter Menem mitverantwortlich sein. Der Ex-Präsident selbst und alle anderen beteiligten Minister sind längst wieder frei, doch Cavallo sitzt in der alten Militärgarnison "Campo de Mayo" bei Buenos Aires in Haft.

Zwar verfügt Cavallo in der Garnison in einer Baracke inmitten grüner Felder über zwei kleine Zimmer, Fernseher, Computer und Handy, doch protestiert er massiv gegen das juristische Verfahren. Nicht nur der Häftling selbst sieht die Haft politisch motiviert. So forderten prominente Ökonomen wie die Nobelpreisträger Robert Mundell und Paul Samuelson, der europäische Zentralbankdirektor Tommaso Padoa-Schioppa und IWF-Funktionär Thomas Reichmann in der New York Times die sofortige Freilassung ihre Ex-Kollegen.

Cavallo ist fest davon überzeugt, dass sein Plan der geordneten Schuldenrestrukturierung erfolgversprechend war: "Der Ausstieg aus der Dollarbindung und der Zahlungsausfall wären leicht zu vermeiden gewesen." Doch genau das hätten Duhalde, der heutige Außenminister Carlos Ruckauf sowie einige hoch verschuldete Unternehmer aus Eigeninteresse gewollt und daher Cavallos Rücktritt erzwungen.

Dabei sei sein Rettungsplan international richtungsweisend gewesen. "Heute wird beim IWF über ein internationales Konkursverfahren, ein "Chapter 11 (des US-Firmenkonursrechts) für Staaten diskutiert. Wir waren bereits dabei, ein solches Verfahren anzuwenden", sagt Cavallo. Der von seinen Nachfolgern unkontrolliert freigegebene Peso hätte erst nach einer geordneten Restrukturierung der Staatsschuld und mit einem ausgeglichenen Etat abgewertet werden dürfen. Diese Aufgabe habe man bereits zu einem guten Teil erledigt gehabt, als das politische Aus kam, behauptet Cavallo.

Auch die Kritik, der IWF haben mit seinen großzügigen Krediten die Krise in Argentinien genährt, weist Cavallo zurück. Der IWF habe Argentinien immer geholfen, aber gleichzeitig ständig auf die Senkung der Staatsausgaben und eine Eindämmung des Schuldenwachstum gedrängt. Mehr noch als bei anderen Krisenländern sei im Falle Argentiniens die Politik im Lande selbst entschieden und nicht vom IWF aufgezwungen worden.

An der Politik seiner Nachfolger lässt Cavallo verständlicherweise kein gutes Haar. Die obligatorische Umwandlung aller in Dollar abgeschlossenen Verträge in Peso sei mit einer "gesetzlich verordneten Hyperinflation" gleichzusetzen. Die Argentinier hätten jegliches Vertrauen in die eigene Währungspolitik verloren und trieben durch ihre Nachfrage nach Dollar den Peso immer weiter in die Höhe. Nachdem die verfassungswidrige Umwandlung der Dollar-Einlagen vollzogen sei, biete selbst eine Dollarisierung keinen Ausweg mehr. Nun bleibe nur noch die Kapitulation des Finanzsystems: "Die einzigen Verträge, die in Zukunft in Argentinien noch Vertrauen genießen, sind solche, die unter ausländischen Rechtsschutz stehen."

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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