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Argentiniens Padrinos

Die argentinische Regierung hat das Attentat in London kaum wahrgenommen. England ist weit weg, islamistischer Terror ist auch noch nicht nach Südamerika vorgedrungen.

Die argentinische Regierung hat das Attentat in London kaum wahrgenommen. England ist weit weg, islamistischer Terror ist auch noch nicht nach Südamerika vorgedrungen. In Argentinien zumindest gibt es derzeit nicht nichts Wichtigeres als die Grabenkämpfe innerhalb der regierenden Peronistischen Partei, im Vorlauf zu den Kongresswahlen im Oktober.

Die Präsidentengattin Christina Fernandez de Kirchner beschrieb das Szenario treffen: Die aktuellen politischen Ränkespiele innerhalb der Peronistischen Partei erinnerten sie an den Film "Der Pate" von Francis Coppola, so erklärte die First Lady beim Auftakt ihrer Wahlkampagne für ein Senatorenamt. Diese Erkenntnis bezieht sie natürlich nicht auf sich selbst oder auf ihren Mann Nestor Kirchner, sondern auf dessen mächtigen Gegenspieler in der Peronistischen Partei, den Ex-Präsidenten Eduardo Duhalde. Das ist aber eigentlich ziemlich undankbar, denn Präsident Kirchner hat es ausschließlich Duhalde und dessen politischem Apparat zu verdanken, dass er vor zwei Jahren an die Macht kam. Duhalde hievte den Außenseiter Kirchner aus Patagonien damals an die Macht, weil der für ihn das kleinere Übel war: Duhaldes größte Angst war damals, dass Ex-Präsident Carlos Menem (ebenfalls Mitglied der Peronistischen Partei) wieder an die Mac ht gelangen könnte. So baute er Kirchner als neues Gesicht der alten Peronistischen Partei auf, als "Progressisten", der die krisengeplagten und politikverdrossenen Wähler wieder vom Peronismus überzeugen sollte.

Die Peronistische Partei ist eigentlich keine Partei mit einem einheitlichen Programm und einer politischen Linie. Es ist vielmehr ein Machtapparat, der das Land seit Jahrzehnten mit viel Autorität umklammert. Der immer neue Führungsgestalten von ideologisch undefinierbarer Couleur wie Menem, Duhalde oder Kirchner hervorbringt, die nur einen kleinen gemeinsamen Nenner haben: Viel Machtbewußtsein und wenig Respekt vor Gesetz und Demokratie. Die peronistischen Caudillos haben das Land über die Jahre gründlich ausgesaugt und heruntergewirtschaftet, es aber trotzdem geschafft zu überleben und den Leuten immer wieder das Gefühl zu geben, dass andere an dem Desaster schuld sind.

An der Spitze dieses Apparats steht eine Handvoll Padrinos, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihre Vasallen in gutdotierte Gouverneurs-, Bürgermeister-, Abgeordneten- oder Senatorenposten zu hieven und ihnen dann genug Mittel zu sichern, um das Volk durch Brot und Spiele bei Laune zu halten.

Immer wieder eindrucksvoll ist die Mischung aus absolut schamloser Machtpolitik und Pragmatismus der peronistischen Padrinos. Im Vorlauf von Kongress- oder Präsidentschaftswahlen zerfleischen sie sich monatelang gegenseitig und sorgen dafür dass das Land stillsteht und die Zeitungen von nichts anderem mehr sprechen als von den internen Auseinandersetzungen der Padrinos. Wenn dann aber einer gewonnen hat, dann ordnen sich die anderen still und leise unter, suchen ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen und zeigen sich gern der Öffentlichkeit Arm in Arm und die Zähne bleckend mit dem Wahlgewinner.

Jetzt ist gerade mal wieder die Phase des Zerfleischens, im Oktober sind Kongresswahlen. Duhalde fordert einen Teil der Macht ein, das heißt möglichst viele Abgeordneten- und Senatorensitze für seine Vasallen. Doch Kirchner fühlt sich mittlerweile stark genug, um seinem ehemaligen Gönner offen die Stirn zu zeigen. Er will alle Macht für sich. Er erklärte die Wahlen gar zum Plebiszit über seine Politik und schickte - vielleicht mangels einer ausreichenden Zahl populärer Vasallen - einen Großteil seiner Minister ins Rennen um die begehrten Plätze in der Legislative. Der Außenminister etwa soll sich jetzt gleichzeitig von der Stadt Buenos Aires als Abgeordenter in den Nationalkongress wählen lassen und auch der Vizeaußenminister ist in die Wahlkampagne eingespannt, Außenpolitik findet deshalb derzeit nicht statt. Aber darüber wundert sich in Argentinien keiner, so was kennt man schon von den Peronisten.

Neu ist diesmal allerdings, dass die Padrinos ihre Frauen als Protagonisten ins Rennen geschickt haben. Duhalde stellte seine Frau Chiche, eine stämmige kleine Mittvierzigerin mit immer etwas verbissenem Gesichtsausdruck, an die Spitze seiner Liste. Sie soll Senatorin für die bevölkerungsreichste Provinz Buenos Aires werden. Kirchner stellte seine Frau Christina für den gleichen Posten auf, eine erfahrene und äußerst streitbare Politikerin, der nachgesagt wird, dass sie als einzige ihren Mann zum Kuschen bringen kann.

Aktuellen Umfragen zufolge würde die First Lady 40 bis 45 Prozent der Stimmen bekommen, die Gegenspielerin Chiche jedoch höchstens 20 Prozent. Nun gut. Entscheidend für das Land wird im Endeffekt sein, dass die beiden peronistischen Lager mit den zwei Padrinofrauen an der Spitze zusammengenommen 60 Prozent der Stimmen für sich beanspruchen und nur ein entsprechend kläglicher Rest für die eigentliche Opposition bleibt. Mit so einer schönen Mehrheit im Kongress läßt es sich dann erstmal wieder prächtig regieren. Denn wie gesagt, die Peronisten streiten sich immer nur eine Zeitlang, dann ordnen sie sich dem Sieger unter.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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