Argentinische Anleihe-Anleger müssen sich weiter in Geduld üben
Was Inzell und Argentinien gemeinsam haben

Ein Streifzug durch die Souvenirshops in New York bringt gelegentlich Kurioses zu Tage. Auf einem gläsernen Bierkrug finden sich friedlich vereint das argentinische Parlamentsgebäude und der deutsche Bundesadler. Der Schein trügt.

DÜSSELDORF. Ganz so friedlich geht es zwischen Argentinien und Deutschland nicht zu - zumindest nicht was deutsche Anleger betrifft. Denn der Bierkrug ist ein Symbol für die Anleihe-Anleger, die sich nicht vom argentinischen Staat prellen lassen wollen.

Die Idee mit dem Bierkrug hatte Stefan Engelsberger, Initiator der Interessengemeinschaft Argentinien e.V. (IGA). Eigentlich ein reiner "Marketing-Gag", sagt Engelsberger, der seit Jahresbeginn selbst einen Souvenirshop in Inzell betreibt. Den Bierkrug habe er "kistenweise nach New York verkauft". Dahinter steht eine ganz andere, durchaus ernste Absicht. Engelsberger versucht, sich seit Jahresbeginn Gehör zu verschaffen. Selbst von der Zahlungsunfähigkeit des Landes Argentinien betroffen, scharte er andere Anleihe-Inhaber um sich. Das Resultat ist die IGA, die heute rund 270 Mitglieder umfasst, die ein Vermögen von mindestens 25 Mill. US-Dollar in Argentinien-Anleihen investiert haben. Genaue Angaben will Engelsberger, der sich selbst als Spekulant bezeichnet, dazu nicht machen.

Das lateinamerikanische Land war Anfang Januar in Zahlungsverzug geraten. Wegen einer anhaltenden Finanzkrise war der Schuldendienst für Auslandsanleihen eingestellt worden. Zwar hatte sich die Krise seit längerem abgezeichnet, doch wurden vor allem Privatanleger in Mitleidenschaft gezogen. Ihnen drohen beispielsweise bei einer Umschuldung schlechtere Konditionen bei ihren Anleihen; auf eine Lösung und ein konkretes Angebot Argentiniens warten sie immer noch. Institutionelle waren zum Teil schon Monate vor der Zuspitzung der Lage ausgestiegen.

Die IGA ist eine "reine Selbsthilfeorganisation, wie eine Bürgerinitiative", unterstreicht Engelsberger; und "alle helfen zusammen". Ihre Aufgabe sei es, dem Anleger "eine unabhängige Meinung zu bieten". Sie setzt sich nach Angaben ihres Initiators aus "stinknormalen Deutschen" zusammen. Zu den betroffenen Anlegern zählen etwa unabhängige Vermögensberater, Grafiker, Anwälte, Textilingenieure. Das älteste Mitglied ist 91 Jahre alt. Engelsberger zählt mit 36 Jahren zu den Jüngsten und betont nachdrücklich, dass er alle Aktionen nur ehrenamtlich ausführt.

Erste Erfolge verzeichnet die IGA bereits. So hat sie einen Sitz beim "Argentina Bondholders Committee" (ABC), das sich im November 2001 als Vertretung institutioneller Bondinhaber gebildet hatte. Zudem laufen erste Klagen vor dem Amtsgericht und dem Landgericht in Frankfurt am Main, aber auch vor dem Bezirksgericht in New York. Es handelt sich um Einzelklagen, durch die ein vollstreckbarer Titel in New York erwirkt werden soll.

Besitzer argentinischer Anleihen kämpfen noch an einer anderen Front. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) engagiert sich in der DSW-AAA seit dem Frühjahr für betroffene Investoren. Gebündelt sind hier die Interessen von 5 300 Anlegern, die insgesamt über 364 Mill. Euro investiert haben. Deren Hoffnungen ruhen jetzt vor allem auf einem Informationsabend am 6. November in Düsseldorf. An dieser Veranstaltung wird der argentinische Finanzstaatssekretär Guillermo Nielsen teilnehmen. Dieser vertritt Argentinien bei den Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF).

Alles hängt also an einer Einigung des IWF mit Argentinien. Mitte Oktober hieß es, das Land erwarte in zwei bis drei Wochen den Abschluss des seit langem angestrebten finanziellen Hilfeabkommens. Die Regierung in Buenos Aires strebe allerdings noch nach einer Änderung der Inhalte einer Absichtserklärung des IWF zum Schuldenerlass, sagte der argentinische Wirtschaftsminister Roberto Lavagna. Auch Nielsen hatte bei Gesprächen in London bereits signalisiert, dass die Verhandlungen mit dem IWF noch im Oktober beendet werden können.

"Auf dieser Basis könnten dann Gespräche, gegebenenfalls sogar schon Umschuldungsverhandlungen mit den Betroffenen beziehungsweise deren Vertretern, beginnen", sagt Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der DSW. Er ist nach wie vor optimistisch, dass die Anleger ihr Geld zurückbekommen, denn "Argentinien kann es sich nicht leisten, seinen Ruf als Emittent aufs Spiel zu setzen". Das Vorbild für eine "denkbare Lösung" wäre an das Beispiel Ukraine angelehnt. Seinerzeit wurden die Laufzeiten verlängert, die Kupons gekürzt.

Aus Sicht der DSW wird eine Verhandlungslösung wahrscheinlicher. Die geplanten Musterklagen werden daher erst einmal in der "Schublade bleiben", sagt Hechtfischer. Sollte es auf ein Hinhalten hinaus laufen, würden diese aber wieder hervor geholt. Auch Engelsberger hält an seinem Vorhaben fest. "Ich kämpfe auf alle Fälle weiter", heißt es aus Inzell.

Quelle: Handelsblatt

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