Argentinisches Bankensystem steht kurz vor dem Kollaps
Experten kritisieren argentinische Regierung und Zentralbank

Die argentinische Volkswirtschaft ist am Ende. Trotzdem handeln nach Meinung von Finanzexperten Regierung und Zentralbank zu langsam und darüber hinaus auch noch falsch.

BUENOS AIRES. Argentiniens Regierung und Zentralbank haben bei der Suche nach Wegen aus der Wirtschaftskrise nach Meinung von Experten den falschen Pfad eingeschlagen. Zu diesem Ergebnis kommt das Latin American Shadow Finance Regulatory Committee (LASFR). Das LASFR ist ein Gremium, das sich aus ehemaligen hochrangigen Zentralbank-Präsidenten und Finanzministern aus Lateinamerika zusammensetzt.

Die Zeit drängt, die argentinische Wirtschaft liegt darnieder, das Bankensystem steht kurz vor dem Kollaps. Als erste der Auslandsbanken hat nun die kanadische Scotiabank beschlossen, ihre rund 100 Filialen in Argentinien zu verkaufen. Doch trotz des dringenden Handlungsbedarfs komme die Regierung von Präsident Eduardo Duhalde nur zögernd in Gang, um einen Zusammenbruch zu vermeiden - und dazu noch in die falsche Richtung, lautet die Kritik des LASFR. "Argentiniens Regierung kauft wieder einmal teuer Zeit, ohne einer Lösung des Bankenproblems näher zu kommen", kritisiert Harald Benink, einziger europäischer Vertreter beim Treffen des LASFR in Buenos Aires, die geplante Anleihe der Regierung.

Kritik erntet auch der neue argentinische Wirtschaftsminister Roberto Lavagna. Er will die im Januar von Dollar in Peso zum Kurs von 1 : 1,4 getauschten Einlagen nun erneut zum Kurs von 1 : 1,4 gegen zehnjährige Dollaranleihen tauschen. Damit sollen einerseits die Banken für den asymmetrischen Dollartausch vom Jahresanfang entschädigt werden. Damals waren ihre Dollarforderungen 1 : 1 gegen Pesos, ihre Einlagen dagegen 1 : 1,4 in Pesos getauscht worden. Andererseits sollen so die Sparer zufrieden gestellt werden, weil sie dann über wertgesicherte Dollaranleihen verfügen.

"Doch damit wird nur die Illusion aufrecht erhalten, dass die Sparer geschont werden könnten", moniert Benink. "Gleichzeitig wird die Verschuldung des Haushalts immer weniger tragbar - und das in einer Situation, in der Argentiniens öffentliche Schuld bereits größer ist als das Bruttoinlandsprodukt." Zudem stehe ein komplizierter Verhandlungsprozess in Bezug auf die Gesamtverschuldung bevor. Einen Ausweg aus der Bankenkrise sieht Benink darin, dass die Regierung die Depositeninhaber an den Kosten beteiligen würde. Denn das wäre effizienter, als "die nachteiligen Effekte einer untragbaren fiskalischen Last für die Ökonomie", meint Benink.

Die Finanzexperten des LASFR halten zudem die geplante schrittweise Strategie der Regierung für den Finanzsektor für falsch. Danach können die Banken die Beschränkungen der Kontoinhaber über ihr Geld schrittweise in vier Monaten lockern und werden dabei gleichzeitig von der Zentralbank mit Liquidität versorgt. Um die Inflation im Griff zu halten, muss die Zentralbank jedoch gleichzeitig mit kurzfristigen Anleihen die Liquidität wieder abschöpfen. "Ohne ein umfassendes, glaubwürdiges Restrukturierungsprogramm erhöht sich so nur der künftige Kapitalbedarf der Banken", lautet die Meinung der Experten.

Der Fehler bei diesem Versuch, die Banken künstlich am Leben zu erhalten, liege in der Missachtung der stark zunehmenden notleidenden Kredite. "Die Zentralbank widmet sich dabei nicht ihrer monetären Aufgabe, sondern übernimmt zunehmend fiskalische Funktionen, um schwache Banken zu stützten", lautet die Kritik der LASFR.

Einen Ausweg für Argentiniens Bankensystem sieht das Komitee nur durch eine Gesamtlösung. Damüssten drei Probleme auf einmal angegangen werden: Die Zahlungsfunktion der Banken muss hergestellt, deren Liquidität und Kapital gesichert und der Aktionsradius der Zentralbank wieder auf ihre monetäre Aufgabe beschränkt werden. Mit einem Treuhandfonds unter privater Kontrolle sollen die Bilanzen der Banken von den notleidenden Aktiva bereinigt werden und somit das Risiko verringert werden. Gläubiger der Banken erhalten Anteile in den Fonds. Die Banken könnten wieder normal funktionieren.

Doch Benink ist skeptisch, dass die jetzige Regierung die Vorschläge des Komitees berücksichtigen wird. Eine Chance für den Vorschlag sieht er bei Neuwahlen, die mit dem zunehmenden politischen Widerstands gegenüber Duhalde näher rücken. "Eine neue Regierung könnte die Vorschläge aufgreifen", hofft Benink. Auch beim IWF könnten die Vorschläge auf Resonanz stoßen.

Quelle: Handelsblatt

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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