Arme Millionäre

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Arme Millionäre

Dass es am 1. Januar Jahr für Jahr für viele Menschen ein Böses Erwachen gibt, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch bei etwa einem Prozent der 82 Millionen Deutschen dürfte in diesem Jahr der Katzenjammer besonders groß gewesen sein. Denn mit dem Glockenschlag um Punkt 0 Uhr und der in dieser Sekunde vollzogenen Einführung des Euro als offizielles Zahlungsmittel haben sie einen über Jahre hart erkämpften Status verloren: den des Einkommens- und/oder Vermögensmillionärs.

Schaut man etwas genauer hin, trifft es dabei die einen deutlich härter als die anderen. Sieht man einmal von denen ab, die allein dank ihrer abgezahlten Drei-Zimmer-Wohnung in bester Wohnlage von München, Düsseldorf, Frankfurt und anderen Großstädten zu den Vermögensmillionären gehörten, entlockt die Umstellung auf die Gemeinschaftswährung den anderen Betroffenen dieser Gattung wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln. Denn ob die Villa mit großzügigem Anwesen am Ufer des Starnberger See nun zwanzig oder nur noch zehn Millionen wert ist - sie sichert ihrem Eigentümer auch in der Euro-Millionärs-Liga ganz sicher einen komfortablen Platz.

Weit härter trifft es da schon die Einkommensmillionäre. Über Jahre mussten sich diese oberen Zwanzigtausend abrackern, Überstunden bis zum Abwinken machen, Freizeit und Familie hinten anstellen und mit viel Diplomatie, gewiefter Taktik und einem Hauch von Spielermentalität gegenüber ihrem Chef auftreten, um ihr Einkommen über die magische Grenze und sich selbst in den feudalen Klub der Siebenstellig-Verdienenden zu hieven. Nun müssen sie ihre Klubkarte zurückgeben - Aussicht auf Wiederaufnahme für die meisten Betroffenen ausgeschlossen.

So vom Schicksal gebeutelt, dürfte auch der Hinweis auf das weit grausamere Schicksal der Italiener wenig Trost spenden. Fast ausnahmslos waren die Herren über Pizza, Pasta & Co. Lira-Millionäre. Am Dienstag stürzte der Bärenanteil von ihnen ins monetäre Nirwana. Was den Ausgestoßenen bleibt, ist der neidische Blick über den Ärmelkanal. Sollten die stolzen Briten eines Tages doch noch ihr geliebtes Pfund auf das Abstellgleis schieben und den Verlockungen des Euros erliegen, wird der hohe Kurs der britischen Währung dort für eine Flut neuer Millionäre sorgen.

Wie sang doch gleich Udo Lindenberg:
"Ach wie gerne wäre
ich im Club der Millionäre.
Doch da kommt man nicht so ohne weiteres rein.
Da muss man schon Erfinder oder Schwerverbrecher sein."

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
Handelsblatt / Chef vom Dienst
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