Arroganz gegenüber dem Islam und der Nahostkonflikt entfremden die Region von den USA
Jordaniens Prinz Hassan warnt vor Kluft zwischen Westen und arabischer Welt

Gewänne dieser Trend die Oberhand, "werden wir uns nie verstehen", warnt Jordaniens Prinz Hassan bin Talal im Gespräch mit dem Handelsblatt. Trotz vieler antiamerikanischer Kundgebungen und offener Freude über die Anschläge vom 11. September sieht er keinen weit verbreiteten Hass auf die USA in der arabischen Welt, nennt aber Gründe, warum sich viele Araber vom Westen ungerecht behandelt fühlen.

AMMAN. "Säkularen Fundamentalismus" nennt Hassan die Haltung "gewisser Kreise des Westens, insbesondere in den USA, dass der Islam mit Modernität unvereinbar ist". Die "tief sitzende Angst vor einem neuen Kolonialismus", die rasche Assoziation im Westen von Terrorakten mit moslemischen Tätern, die Behandlung der gefangenen El-Kaida-Verdächtigen auf der US-Basis Guantanamo Bay und die Rolle der USA im Nahostkonflikt zählt der Prinz als Ursachen dafür auf, dass "die Liebesbeziehung" der Araber mit Amerika in eine Krise geraten sei.

"Die einzige Artikulationsform, die heute aus der Region (der islamischen Welt) zu dringen scheint, sind Slogans des Hasses", gesteht Hassan zu. Doch sei dies "keine Frage des Hasses auf die Amerikaner", sondern "eine Frage der Politik gegenüber der Region". Die Proteste reflektierten nicht die wahren Emotionen, sondern seien Ausdruck für die "bittere Enttäuschung der Menschen über die USA".

Hassan ist der Onkel des amtierenden Königs Abdullah und galt als Kronprinz lange selbst als Anwärter auf den Thron in Amman. Er engagiert sich in einer Vielzahl humanistischer Projekte und gilt als erfahrenster Politiker seines Landes, eckte in Amman zuletzt aber mit seinen Kontakten zur US-nahen irakischen Exilopposition an.

Immer wieder kommt Hassan auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern als Kern der Entfremdung der arabischen Welt von den USA zurück. Er spricht von Bitterkeit darüber, dass die Supermacht die erhoffte Rolle als "ehrlicher Makler" bei der "Suche nach einer fairen Lösung" nicht übernehme. "Eine starke Sehnsucht nach der harten Knute", mit der die USA Israel zur Einhaltung internationaler Normen zwingen sollten, bliebe unerfüllt. Gleichzeitig schockiere die Menschen in der Region, wie die Lebensbedingungen der Palästinenser immer katastrophalere Ausmaße annähmen, wie die Israelis gar die Trinkwasserzufuhr begrenzten. "Welche Moral haben solche Aktionen der Besatzungsmacht?" fragt Hassan.

Energisch weist Hassan wiederholte Behauptungen der US-Administration zurück, dass viele Menschen in der Region die "Werte der westlichen Zivilisation" wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte aus tiefster Seele hassten. Genau das Gegenteil sei der Fall. Das beweise der Strom von Menschen aus der islamischen Welt, die in den USA eine neue Heimat suchten. Es sei vor allem die geringe Hoffnung auf eine prosperierende Zukunft daheim, die Zehntausende Menschen in die Emigration treibe, aber manche auch in die Arme von Extremisten. Hassan erinnert an den regionalen Wirtschaftsgipfel von 1994, der nach Jordaniens Friedensschluss mit Israel für die gesamte Region Entwicklungsinvestitionen in Höhe von 35 Mrd. $ vorgeschlagen hatte. "Hätten wir diese Investitionen getätigt, hätten wir die Emigration gebremst. Stattdessen hat die Region in diesem Zeitraum 300 Mrd. $ für Waffen ausgegeben", sagt der Prinz.

Er beklagt, dass die internationale Gemeinschaft ihre gesamten Beziehungen zur arabischen Welt noch immer auf das Öl ausrichte. In diesem Punkt könne sich aus dem Schrecken des 11. September 2001 aber "etwas Gutes" entwickeln: Es gebe Anzeichen dafür, dass führende Kräfte im Westen begriffen, dass "Petro-Politik durch Anthropolitik ergänzt" und dass "die Würde des Menschen" berücksichtigt werden müsse.

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