Arznei-Großhändler Sanacorp darf Anzag übernehmen
Gericht macht Weg frei für Pharmafusion

Im Pharmahandel könnte es bald eine neuen Marktführer geben: Überraschend hat das Oberlandesgericht Düsseldorf Zustimmung zur Übernahme von Anzag durch Sanacorp gegeben und das Verbot des Kartellamts aufgehoben. Die Pläne ausländischer Konzerne zum Einstieg in Deutschland sind damit vorerst gescheitert.

DÜSSELDORF. Im deutschen Pharmahandel ist der Weg für eine neue Großfusion frei: Nach einem Beschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf dürfen sich die beiden genossenschaftlichen Vertreter der Branche, Sanacorp und Anzag, zum neuen Marktführer zusammenschließen. Die Pläne waren bislang blockiert, da das Kartellamt die Fusion verboten hatte. Das Gericht hat dieses Verbot nun aufgehoben und setzt damit einen vorläufigen Schlusspunkt unter den Streit um den Zusammenschluss.

Für die Münchener Sanacorp - Gruppe stehen nun alle Türen offen: Die Nummer vier auf dem deutschen Markt besitzt bereits seit mehreren Jahren 25 % der Andreae Zahn-Noris AG (Anzag) und hat eine Option auf den Kauf eines weiteren 25-%-Pakets plus einer Aktie. Dieses Paket liegt bei der DZ-Bank, die Verkaufsbereitschaft signalisiert hat. Allerdings kann das Bundeskartellamt noch Beschwerde gegen den Entscheid vor dem Bundesgerichtshof einlegen.

Sanacorp bleibt deswegen vorerst zurückhaltend: "Wir werden jetzt die für ein Zusammengehen nötigen Gespräche führen", sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Manfred Renner, der im nächsten Jahr den Chefposten übernimmt. Nach Ablauf der Beschwerdefrist von vier Wochen will Sanacorp Details zu seinen Plänen bekannt geben.

Kommt die Übernahme zustande, so hat dies weitreichende Konsequenzen für die Branche der Pharmahändler, die Medikamente der Hersteller kaufen, lagern und Apotheken in ganz Deutschland beliefern. Mit einem Anteil von 29,1 % können Sanacorp und Anzag die Marktführerschaft vor den Konkurrenten Phoenix (Mannheim) und Gehe (Stuttgart) übernehmen. Der Umsatz des kombinierten Unternehmens beläuft sich auf annähernd 5 Mrd. Euro.

Nach Angaben von Sanacorp teilte das Oberlandesgericht (OLG) die Auffassung, dass durch die Aufstockung der Beteiligung keine marktbeherrschende Stellung auf Regionalmärkten entstehe. Das Kartellamt hatte sein Verbot damit begründet, dass Sanacorp und Anzag in Sachsen, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam eine zu dominante Position hätten.

Mit dem Entscheid des OLG bleibt auch für die europäische Konkurrenz die Tür in den deutschen Pharmahandel vorerst verschlossen. So muss etwa der britische Marktführer Alliance Unichem wohl seine Pläne begraben: Er wollte sich mit dem Ausbau seiner Anzag-Beteiligung in Höhe von derzeit 10 % in Deutschland besser positionieren. Gelingt die Anzag-Übernahme, wird Sanacorp für diesen Anteil voraussichtlich ebenso ein Übernahmeangebot vorlegen, wie für die rund 6 % des niederländischen Konkurrenten OPG. Die restlichen 9 % der Anzag-Anteile gehören Kleinaktionären.

Unklar bleibt, ob sich der ebenfalls genossenschaftlich organisierte Pharmahändler Noweda von seinem Anzag-Anteil über 24,99 % trennen wird. Noweda hatte eine engere Zusammenarbeit mit Sanacorp und Anzag zuvor stets abgelehnt. Zusammen mit Noweda hätten die Unternehmen einen Marktanteil von 37 %.

Die Vorstände von Anzag und Sanacorp begrüßten die Entscheidung des Oberlandesgerichts einhellig. "Einen engeren Schulterschluss mit Sanacorp haben wir uns immer gewünscht", sagte Horst Trimborn, Vorstandsvorsitzender der Anzag. Der Konzern hat auf die Stärkung des genossenschaftlichen Lagers unter den Pharmahändlern gedrängt und den Einstieg eines ausländischen Investors stets abgelehnt. Sanacorp-Chef Jürgen Brink unterstrich, dass mit dem Urteil "der wirtschaftlichen Realität im Pharmagroßhandel Rechnung getragen wird".

Nach Angaben Brinks sollen in einem kombinierten Unternehmen die Marken Sanacorp und Anzag beibehalten werden. Von einem Zusammenschluss versprechen sich die Unternehmen vor allem Einsparungen beim Einkauf und im Verkauf. Sie reagieren damit vor allem auf den zunehmenden Druck auf die ohnehin schwachen Gewinnspannen: Arzneihändler klagen derzeit verstärkt darüber, dass ihre Renditen von durchschnittlich 1,2 % wegen der Reformen im Gesundheitswesen weiter sinken würden.

Das fördert in der Branche europaweit den Trend zu Übernahmen und Fusionen: "Kostenvorteile durch ausreichende Größe sind für Pharmahändler im Wettbewerb äußerst wichtig", erläutert Analystin Marietta Miemitz von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Derzeit sind in Deutschland noch 16 Großhändler am Markt: Gelingt Sanacorp die Übernahme von Anzag, entfielen künftig auf die drei Topunternehmen der Branche drei Viertel des deutschen Marktes (siehe Graphik). Im europäischen Ausland wäre das fusionierte Unternehmen im Gegensatz zu Phoenix und Gehe allerdings weiterhin nicht vertreten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%