Aschenputtel auf amerikanisch
Schönheitschirurgie als Reality-Show

Bei dieser Show fließen Blut, Schweiß und Tränen. Die Angst vor dem Skalpell kann kaum ein Teilnehmer verbergen. Doch wenn endlich der Gesichtsverband abgenommen wird, gibt es beim Blick in den Spiegel immer wieder Ausrufe des Entzückens: "Das bin ich? Mein Gott, dass ich so aussehen kann!" Amerikas jüngster TV- Quotenknüller zeigt, wie Menschen durch Schönheitsoperationen zu einem neuen Selbstwertgefühl kommen.

HB/dpa NEW YORK. Verlierer gibt es in der Reality-Show "Extreme Makeover" nicht. Die Kandidaten sehen am Ende besser aus als vorher. Die Chirurgen und Dentisten, die Visagisten, die Hairstylisten und Modedesigner, die für den Fernsehsender ABC aus hässlichen Entlein stolze Schwäne machen, können sich keine bessere Reklame denken. Und ABC macht ordentlich Kasse mit teuren Werbespots.

Nach den ersten sieben Folgen hat der Sender gerade 13 neue in Auftrag gegeben. Verhandlungen mit Lizenznehmern in Übersee stehen an. Und die Zahl der Kandidaten mit Boxernasen, Hasenscharten oder Segelohren, die sich vor laufenden Kameras verschönern lassen wollen, ist auf mehr als 20 000 angestiegen, von denen in der nächsten Staffel 26 eine Chance bekommen.

"Ich bin unendlich dankbar", sagt Amy Taylor. Niemals hätte sich die Torten-Dekorateurin in einem Supermarkt die Operationen leisten können, die ABC ihr spendierte. "Die haben meinen Traum wahr werden lassen." Chirurgen haben der flachbrüstigen 29-Jährigen Silikon implantiert. Als das Busenproblem behoben war, ging es an Taylors deformierte Nase. Dann wurden ihre schief gewachsene Zähne in ein Hollywood-Gebiss verwandelt.

Bevor sich das einstige Aschenputtel zum Höhepunkt der Show den staunenden Freunden und Kollegen als Prinzessin präsentierte, ging es noch ins Kosmetik-Studio, zum Edelfriseur und in eine Designer- Boutique. Vergessen seien die spontanen Angstausbrüche, die sie früher quälten, sobald sie in der Öffentlichkeit angesprochen wurde, berichtet Taylor.

Pro Person lässt sich ABC so ein "Makeover" zwischen 40 000 und 150 000 Dollar (126 000 Euro) kosten. Für eine Show mit Millionenpublikum sind das nur geringe Kosten. Die sechs bis acht Wochen dauernde Verschönerung von jeweils zwei Kandidaten wird in jeder Phase von Kameraleuten begleitet und dann auf eine Stunde - einschließlich Werbung - zusammengeschnitten.

Das Format solcher Sendungen wird in der amerikanischen TV-Branche "infomercials" genannt - unterhaltsam aufbereitete Information kombiniert mit mehr oder weniger versteckten Kommerzabsichten. "Makeover"-Produzent Howard Schultz beteuert aber, dass die Darstellung der Realität von Schönheitsoperationen im Vordergrund stehe. "Sonst wäre das eine Trivialisierung", sagte er der Zeitung "USA Today". "Wir müssen die Schmerzen zeigen, die diese Menschen durchmachen."

Anfangs war die Amerikanische Gesellschaft der Plastischen Chirurgen (ASPS) skeptisch. Inzwischen bescheinigt sie ihren an "Makeover" beteiligten Kollegen "die Einhaltung unserer ethischen Standards". Kritiker sagen jedoch, der Werbeeffekt von "Extreme Makeover" komme der Branche in einer wirtschaftlichen Flaute gerade recht. Nach ASPS-Statistiken haben sich im vergangenen Jahr zwar 6,6 Millionen zahlende Amerikaner unters Messer von Schönheitsoperateuren gelegt, doch das waren zwölf Prozent weniger als 2001.

Die Elternorganisation "Dads & Daughters", die sich für bessere Entwicklungschancen von Mädchen einsetzt, sieht in der Schönheitsshow ein völlig falsche Botschaft: ""Extreme Makeover" manipuliert, trägt zur Ausbreitung der Besessenheit von der äußeren Erscheinung bei und verstärkt damit Verhaltensweisen, die am Ende bei Jugendlichen zu Störungen und gesundheitlichen Problemen führen."

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