Atemlos auf der Zielgeraden
Stephen Kings Saga um den "Dunklen Turm" ist vollendet

Bei Heyne ist jetzt der siebte und letzte Band von Stephen Kings Fantasy-Romanzyklus erschienen, schlicht "Der Turm" betitelt. Damit beendete der "Weltmeister des Horrors" sein Lebenswerk. Die gewaltige Geschichte droht allerdings am Ende schlicht ins Lächerliche zu driften.

HB MÜNCHEN. "Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm." Mit diesem Satz begann im Jahr 1970 "Schwarz", der erste Band von Stephen Kings siebenbändigem Fantasy- Romanzyklus "Der Dunkle Turm". Nun hat der "Weltmeister des Horrors" sein Lebenswerk vollendet: Bei Heyne ist jetzt der siebte und letzte Band erschienen, schlicht "Der Turm" betitelt. Und eines sei hier verraten: An einer nicht unwichtigen Stelle wird der Leser diesem Eröffnungssatz wiederbegegnen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Geschichte Roland Deschains, des "letzten Revolvermannes in einer Welt, die sich weiterbewegt hat", durch Kings gesamtes Oeuvre. Der Autor selbst spricht von seinem "Über-Roman", an dem er 34 Jahre lang feilte. Viele seiner weltweit millionenfach verkauften Bücher wie "The Stand - Das letzte Gefecht" oder "Es" haben zumindest indirekt mit Rolands Welt zu tun; Werke wie "Schlaflos" oder "Das schwarze Haus" sind gar nur Nebenschauplätze, in denen die Handlung des "Dunklen Turms" vorangetrieben wird.

Das Jahr 1999 ist ein ganz zentrales Jahr - im "Dunklen Turm" wie in Stephen Kings realem Leben: Er kam bei einem Autounfall beinahe ums Leben. Dem Tod von der Schippe gesprungen, beschloss er, nun die drei noch fehlenden "Turm"-Romane ohne weiteres Zögern zu vollenden. Bis dato waren die Bände in mehrjährigem losem Abstand erschienen. Wegen des hohen Tempos veränderte sich nun der Charakter der Erzählung: Bis zu Band vier ("Glas") herrscht ein eher düsterer Ton vor. Ab Band fünf ("Wolfsmond") spürt der Leser förmlich, dass hier ein Autor zu einem Ende kommen will.

Eine inhaltliche Zusammenfassung der Romane ist angesichts von mehr als 3000 Seiten Umfang und zahllosen Figuren und Handlungssträngen praktisch unmöglich. Die Quintessenz: Held Roland muss zum Dunklen Turm gelangen, einer geheimnisvollen Stütze, die alle Existenz zusammenhält. Er bereist viele Paralleluniversen und hat mächtige Gegenspieler, angeführt vom Herrscher aller bösen Geschöpfe, dem "Scharlachroten König". Das Böse will den Einsturz des Turms, und diese Zeit ist nun beinahe gekommen. Es wartet der letzte Showdown.

Doch leider geht Stephen King auf den letzten Metern seines Mammutwerks die Luft aus. Immer wieder hatte er in den früheren Büchern Andeutungen gemacht, per Rückblende Fährten gelegt, Zusammenhänge durchscheinen lassen. Nun wartet der treue Leser naturgemäß auf Antworten. Doch King bleibt sie fast alle schuldig.

Am schlimmsten aber ist, wie er mit seinen Schurken verfährt: Er macht sie lächerlich. Der "Scharlachrote König" wird als durchgeknallter Santa Claus präsentiert, komplett mit rotem Mantel und Rauschebart. Und Father Christmas bewirft den herannahenden Roland mit Kugeln, die an die "Schnatze" von Harry Potter erinnern. Bei King heißen sie aber "Schnaatze" und können - wie könnte es bei ihm auch anders sein - Menschen in Stücke reißen. Die gewaltige Geschichte driftet am Ende schlicht ins Lächerliche.

Erst ganz am Schluss findet King doch noch zu alter Stärke zurück. Die letzte Wendung und Auflösung des Romans ist in der US-Fangemeinde zwar heftig umstritten, aber zumindest originell. Dennoch bleibt insgesamt ein fader Nachgeschmack nach der Lektüre von "Der Turm". Ob es Stephen King mit diesem Schlussband gelungen ist, einen Mythos wie Tolkiens "Herr der Ringe" zu begründen, darf man bezweifeln.

Stephen King: Der Turm - Der Dunkle Turm VII Heyne Verlag, München 800 S., Euro 26,00 ISBN 3-453-00096-X

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