Atommächte vermeiden Krieg
Indien und Pakistan kommen Frieden nicht näher

Die Atommächte Indien und Pakistan haben im zu Ende gehenden Jahr einen Krieg um Kaschmir zwei Mal knapp vermieden, aber dem Frieden sind sie noch keinen Schritt näher gekommen. Indien mäßigt allerdings seine Sprache. Nach Terrorangriffen folgen jetzt nicht mehr Kriegsdrohungen.

HB/dpa NEU DELHI. "Wir machen Pakistan nicht für alles verantwortlich", sagt der indische Sicherheitsberater Brajesh Mishra. Derzeit ist aber noch nicht einmal der Zustand erreicht, in dem sich die verfeindeten Nachbarn vor einem Jahr befanden, vor dem Terroranschlag auf das indische Parlament. Nach wie vor gibt es keine Flüge zwischen beiden Ländern, immer noch sind die Verbindungen mit Bus und Zug unterbrochen, die Botschaften in Delhi und Islambad stehen halb leer, und die Regierungen schweigen einander an.

Der 13. Dezember 2001 war für Indien so etwas wie der 11. September für die USA. Ein Terrorkommando moslemischer Extremisten versuchte, das Parlament in Neu Delhi zu stürmen, und wurde nur knapp daran gehindert, zu den Abgeordneten vorzudringen. 13 Menschen kamen ums Leben. Die Regierung war geschockt.

Indien machte Pakistan für den Angriff verantwortlich. Schon seit Jahren gehörte der Vorwurf des "Terrorismus über die Grenze hinweg" zu den Standardformulierungen in Indien. Die zahlreichen moslemischen Milizen, die im indischen Teil Kaschmirs für den Anschluss der Region an Pakistan kämpfen, sind nach indischem Sprachgebrauch Terroristen, die von Pakistan über die Grenze geschickt werden.

Nach der Attacke auf das Parlament wurde der Ton aber härter und steigerte sich bis zur Kriegsdrohung. Wenn die USA gegen ihre Feinde in Afghanistan zu Felde ziehen dürften, um sich gegen Terror zu wehren, dann dürfe Indien die Stützpunkte der Moslem-Milizen auf pakistanischem Gebiet angreifen, lautete die Argumentation.

Die USA, Großbritannien und auch Deutschland schickten um die Jahreswende Diplomaten, um das Schlimmste zu verhindern. Weder Indien noch Pakistan wollten einen Atomkrieg. Aber beide Länder besitzen Atomwaffen. Indische Angriffe auf pakistanisches Territorium würden Gegenangriffe auslösen, beide Armeen könnten rasch an die Grenzen ihrer konventionellen Kriegsführung stoßen, und dann wäre der Einsatz von Atomwaffen denkbar - so lautete das schlimmste Szenario.

Im Januar ließ sich Indien beruhigen, Pakistan kam der Forderung nach, zwei extremistische Moslem-Organisationen zu verbieten. Aber schon vier Monate später drohte erneut die Eskalation. Terroristen hatten ein Lager der indischen Armee in Kaschmir überfallen. 34 Menschen kamen ums Leben, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Eine Debatte, warum Indien sein Parlament und die Armee ihre Kasernen nicht schützen kann, kam nicht auf. Stattdessen wurde im Mai und Juni der Ton von Seiten der indischen Regierung so schrill, dass die USA und viele europäische Länder, unter ihnen auch Deutschland, ihren Bürgern die Ausreise aus der Region empfahlen.

Das wirkte wie ein heilsamer Schock. Die indische Regierung verstand, dass ihre Drohungen ernst genommen wurden und dramatische Auswirkungen für Wirtschaft und Tourismus hatten. Seitdem reagiert Indien vorsichtiger. Als Moslemextremisten im September und November Massaker in Hindu-Tempeln begingen, gab es zwar wieder Vorwürfe gegen Pakistan, aber keine Kriegsdrohungen. Beide Länder haben außerdem ihre Truppenverstärkungen von der Grenze zurückgezogen. Aber Artilleriegefechte in Kaschmir gehören immer noch zum Alltag, und Experten sind darüber besorgt, dass kein Dialog zwischen beiden Ländern in Gang kommt, um den Streit um die Himalaya-Region endlich zu lösen.

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