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Atommüll-Transport passiert Grenze nach Frankreich

Erstmals seit drei Jahren ist wieder Atommüll aus deutschen Atomkraftwerken zur französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague auf den Weg gebracht worden. Mehreren hundert Atomkraftgegnern gelang es am Dienstag nicht, den Zug vor der deutsch-französischen Grenze längere Zeit aufzuhalten.

rtr BERG. Wenige Kilometer vor der Grenze ketteten sich zwei Atomkraftgegner am Abend an die Schienen und zwangen den Zug, knapp eine Stunde anzuhalten. Am Mittwochmorgen sollte der Transport in La Hague erreichen. Anders als beim Atommülltransport nach Gorleben vor zwei Wochen beteiligten sich nur einige hundert Demonstranten an den Protesten. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Mit Trennschneidern durchtrennten Polizisten am Abend die Ketten, mit denen die beiden Atomkraftgegner ihre Hände in einer Metallröhre unter den Schienen festgekettet hatten. Daraufhin setzte der Zug seine Fahrt gegen 20.30 Uhr (MESZ) fort und überquerte eine halbe Stunde später bei Berg die Grenze zum französischen Lauterbourg. Mehrere hundert Beamte des Bundesgrenzschutzes sicherten den letzten deutschen Abschnitt der Strecke. Mindestens sieben Hubschrauber überwachten die Gleise aus der Luft. Ein Helikopter flog dem Zug mit den fünf Atommüllbehältern voraus und leuchtete die Strecke aus.

Auf französischer Seite waren ebenfalls Polizisten in Stellung gegangen, um Blockaden zu verhindern. Auch die französischen Sicherheitskräfte hatten einen Hubschrauber im Einsatz. Am späten Abend waren auf französischer Seite nur etwa 20 Atomkraft-Gegner zu sehen.

Zuvor war es bereits an den Kraftwerksstandorten Philippsburg (Baden-Württemberg), Grafenrheinfeld (Bayern) und Biblis (Hessen) zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Mehr als 50 Atomkraftgegner seien von Polizisten mit Schlagstöcken leicht verletzt worden, als sie versucht hätten, die Schienen nahe Philippsburg zu besetzen, teilte die Anti-Atom-Intiative "X-tausendmal quer" mit. Zwei Demonstranten hätten Platzwunden am Kopf davon getragen. Die Polizei machte keine Angaben zu Verletzten.

In Philippsburg stoppte die Polizei etwa 250 Atomkraftgegner auf dem Weg zum Kraftwerk und kesselte die Demonstranten für kurze Zeit ein. Rund 20 Menschen seien in Gewahrsam genommen worden, sagte ein Polizeisprecher. Die Demonstranten seien eingekesselt worden, weil in der Umgebung des Kraftwerks ein Demonstrationsverbot verhängt worden sei.

In Bayern versuchten Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace den Behälter aus dem fränkischen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld zu blockieren, nachdem er im Bahnhof von Gochsheim von der Straße auf die Schiene umgeladen worden war. Vier Greenpeace-Anhänger seilten sich am frühen Morgen von einer Fußgängerbrücke ab und hängten ein Plakat mit der Aufschrift "Stop Castor" über die Gleise. Weitere Greenpeace-Anhänger ketteten sich nach Angaben der Polizei an den Gleisen fest. Die Polizei räumte die Brücke und nahm 13 Greenpeace-Anhänger fest. Vor dem Bahnhof demonstrierten rund 50 Atomkraftgegner.

In Biblis versuchten nach Polizeiangaben lediglich zehn Atomkraftgegner die Gleise zu blockieren. Sie wurden vorübergehend festgenommen.

In Philippsburg und Biblis hätte der Betrieb ohne einen Abtransport des Atommülls nur noch wenige Wochen beziehungsweise Monate weiterlaufen können, weil die Lagerkapazitäten für abgebrannte Brennelemente erschöpft sind. Der Betreiber des Atomkraftwerks in Philippsburg, die Energie Baden-Württemberg (EnBW), kündigte am Dienstag noch einen weiteren Atommülltransport nach La Hague bis Ende Juli an.

Die Demonstranten forderten einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie und kritisierten den Atomkonsens der Bundesregierung mit der Stromwirtschaft als unzureichend. Dieser sieht Restlaufzeiten für die Kraftwerke und die Wiederaufarbeitung vor.

Die Transporte nach La Hague waren erst möglich geworden, nachdem Deutschland von dort vor zwei Wochen erstmals seit vier Jahren wieder deutschen Atommüll zurückgeholt und ins Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben gebracht hatte. Tausenden Atomkraftgegnern war es gelungen, diesen Transport trotz eines der größten Polizeieinsätze der Nachkriegszeit um einen Tag zu verzögern.

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