Attentat gefährdet Wiederbelebung des Nahost-Friedensprozesses - Annäherung zwischen Scharon und Arafat zunichte gemacht
Scharon: "Nichts mehr so wie es war"

Nach den Anschlägen vom 11. September hat der Westen alles daran gesetzt, zumindest den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu entschärfen.

afp JERUSALEM. Eine "neue Epoche" ist nach den Worten von Ariel Scharon jetzt tatsächlich angebrochen: Nach dem tödlichen Anschlag auf Tourismusminister Rechavam Seevi sei "nichts mehr so wie es war". Der israelische Regierungschef machte Palästinenserpräsident Jassir Arafat persönlich verantwortlich und brach alle Kontakte zur Autonomiebehörde ab. Von der Gründung eines Palästinenserstaats, die Scharon erst am Vorabend ins Gespräch gebracht hatte, ist keine Rede mehr.

Auch wenn Politiker in der ganzen Welt jetzt zu Besonnenheit und Zurückhaltung aufrufen: Der Friedensprozess im Nahen Osten liegt wieder in Scherben. Zum ersten Mal in der Geschichte des Konflikts haben palästinensische Attentäter ein israelisches Regierungsmitglied getötet. Ihnen ist der Anschlag Rache für die gezielte Tötung des bislang ranghöchsten Palästinenserführers durch die israelische Armee vor einigen Wochen. Freundentänze und Drohungen auf beiden Seiten geben keinen Anlass zur Hoffnung, die Gewaltspirale könne bald unterbrochen werden. Israel kündigte weitere "Liquidierungen" an.

Mehr denn je hatte sich Arafat die Unterstützung des Westens für eine Wiederbelebung des Friedensprozesses gesichert. Der niederländische Ministerpräsident Wim Kok sprach nach dem Besuch der Palästinenserpräsidenten von einer "historischen Chance". Auch der britische Regierungschef Tony Blair versicherte, der Westen sei um eine Aufnahme von Friedensverhandlungen bemüht. Jetzt macht Israel Arafat seine Reisediplomatie zum Vorwurf: "Während er um die Welt fährt und über seinen Willen zu einer Einigung mit Israel spricht, beteiligen sich die Leute zuhause weiter an mörderischen terroristischen Aktivitäten", sagte ein Sprecher von Scharon.

Dabei hatte der israelische Hardliner sich erst am Vorabend zu Verhandlungen über die Gründung eines Palästinenserstaates bereit erklärt. Die Bedingungen, die Scharon vor Anhängern seines Likud-Blocks für die Sicherheit des Staates Israel nannte, dürften jetzt wieder hinfällig sein. Der Friedensplan, mit dem Scharon einer Initiative von US-Präsident George W. Bush zuvorkommen wollte, bleibt in der Schublade. Unmittelbar nach dem Tod des Rechtsaußen-Ministers legte Scharon alle politischen Kontakte zu den Palästinensern auf Eis. Nach einer Schweigeminute der Knesset verkündete der Regierungschef, einen "erbarmungslosen Krieg gegen den Terrorismus" führen zu wollen. Schon nach den Anschlägen vom 11. September hatte Scharon Arafat als den "Bin Laden Israels" bezeichnet.

Dabei ist gerade den Anführern der internationalen Antiterrorkoalition bewusst, wie wichtig die Annäherung im Nahen Osten für die Bekämpfung des Terrorismus ist. Die El-Kaida-Organisation des als Terrorist gesuchten Osama bin Laden begründete ihre Drohung mit neuen Anschlägen gegen die USA unter anderem mit dem Unrecht, das den Palästinensern geschehe: Wenn die Palästinenser nicht in Sicherheit leben könnten, dann solle das auch den US-Bürgern nicht möglich sein. Auch wenn sich die Autonomiebehörde nachdrücklich gegen die Vereinnahmung durch Bin Laden wehrt, gilt das ungelöste Palästinenserproblem vielen als eine Ursache für den internationalen Terrorismus.

Mit den Angriffe der USA gegen Afghanistan wird die Geduld vieler arabischer und islamischer Staaten noch weiter strapaziert. In den vergangenen Tagen häuften sich auch deshalb die Solidaritätsbekundungen westlicher Politiker gegenüber den Palästinensern. Mit solchen Erklärungen dürfte es nicht mehr getan sein, wenn Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) nächste Woche in die Krisenregion reist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%