Attentat in Israel bedroht Bushs Allianz
Kommentar: Neue Eskalation

Nichts wird mehr so sein wie es war: Nein, diesmal kommt der seit dem Terroranschlag vom 11. September gebetsmühlenartig wiederholte Satz nicht aus dem Munde des amerikanischen Präsidenten. Israels Premier Ariel Scharon bediente sich jetzt dieser Phrase, um seine Reaktion nach dem palästinensischen Terroranschlag auf einen seiner Minister zu umschreiben.

Erstmals in der Geschichte des Nahostkonflikts haben radikale Palästinenser ein tödliches Attentat auf ein Kabinettsmitglied verübt. Die Antwort des Hardliners Scharon ist programmiert.

Scharon wird alles in Bewegung setzen, um gegen palästinensische Terroristen vorzugehen, koste es, was es wolle. Ohnehin verspürt Scharon seit dem Terroranschlag vom 11. September Rückenwind. Jetzt, nachdem die internationale Gemeinschaft mit Israel die leidvolle Erfahrung des Terrorismus teilt, könne die Solidarität nur wachsen, so sein Kalkül. Scharon war es, der den neuen Kampf gegen den Terrorismus sogleich als Kulturkampf zwischen dem Westen und dem Islam stilisierte. Nur der Einsatz aller diplomatischen Kräfte von Seiten der USA konnte den bislang Ex-General im Zaum halten. Das wird nun schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich sein.

Damit tritt das Befürchtete ein: eine Eskalation im Nahostkonflikt. Doch längst geht es um mehr als um einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Eine wie auch immer geartete kriegerische Auseinandersetzung in Nahost würde sofort die von den USA mit Mühe zusammengeschusterte internationale Anti-Terror-Koalition sprengen. Die Amerikaner könnten ihren Kriegseinsatz in Afghanistan der arabischen Welt kaum noch als eine legitime Auseinandersetzung mit dem Terrorismus verkaufen. Zu sehr würde ein scharfes Vorgehen gegen die Palästinenser die Emotionen in der islamischen Welt aufpeitschen.

Prowestlich eingestellten Regimen wie in Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien und nun auch Pakistan droht ohnehin eine zunehmende Destabilisierung wegen ihres unpopulären Schulterschlusses mit den USA im Krieg gegen Osama bin Laden und die afghanischen Taliban. Antiamerikanische Ressentiments und religiös verbrämter Extremismus scheinen unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Die Demagogie bin Ladens und die zivilen Opfer bei den Militäreinsätzen in Afghanistan tun ihr Übriges.

Soviel steht fest: eine scharfe Offensive des israelischen Premiers würde das Fass zum Überlaufen bringen. Einige Regierungen der Region würden ins Wanken geraten und versuchen, mit einem Kurswechsel ihren Kopf zu retten. Das kluge Krisenmanagement des exzellent beratenen US-Präsidenten, der die Antiterror-Koalition auf eine möglichst breite Basis stellen wollte, wäre Makulatur.

Und Palästinenserführer Arafat? Offensichtlich zieht er längst nicht mehr die Strippen in den Autonomiegebieten. Würde es in seiner Macht stehen, hätte er den Anschlag auf den israelischen Minister verhindert. Ohnehin scheint die palästinensische Sache nach dem verheerenden Terroranschlag in New York und Washington diskreditiert. Gerade er, der immer schon mit dem Terrorismus liebäugelte, um seine Ziele zu erreichen, sollte die neue Kälte der Amerikaner zu spüren bekommen. Doch die derzeitige Schwäche des alternden Palästinenserpräsidenten wird seinen Kontrahenten Scharon erst recht ermutigen, nach der Ermordung seines Ministers entschieden vorzugehen.

Ob es zu einer Eskalation kommt, hängt jetzt davon ab, wie stark Washington Israels Premier unter Druck zu setzen vermag. Bush wird alles daran setzen, Scharon zu beschwichtigen. Seine Berater werden ihn über die Gefahren eines Zwei-Fronten-Kriegs belehrt haben.

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