Auch an der Wall Street werden immer mehr Analysten nach Hause geschickt
Kein Blick mehr für Nebenwerte

Immer wenn es an der Wall Street kriselt, trifft es die kleineren US-Unternehmen besonders hart: Die Analysten kümmern sich nicht mehr um die Nebenwerte.

Die Kürzungswelle erreichte bei den bekannten Wertpapierhäusern vor kurzem einen neuen Höhepunkt: Die Investmenttochter der Citigroup, Smith Barney, schickte acht Analysten nach Hause. 117 Unternehmen - verteilt auf insgesamt neun Branchen - werden damit nicht mehr unter die Lupe genommen. In einem internen Schreiben erklärte Jonathan Joseph, Chef der US-Research-Abteilung, man habe sich "als Antwort auf die aktuellen Marktbedingungen dazu entschlossen, die Ressourcen im Research neu zu verteilen". Künftig wird Smith Barney nur noch etwa 70 Prozent der im Standard & Poor?s 500 enthaltenen Firmen covern, verglichen mit bisher 80 oder 90 Prozent. Die Sparmaßnahmen treffen vor allem Branchen, die als nicht besonders "sexy" gelten: Die Aktien von Fluggesellschaften, der chemischen Industrie oder von Versorgern.

Smith Barney ist kein Einzelfall: Fast allen kleineren Unternehmen schenken die Analysten weniger Aufmerksamkeit. Aktien, die vor einem Vierteljahr noch von zehn oder weniger Analysten beobachtet wurden, werden nach einer Untersuchung von Reuters Research im Schnitt nur noch von 7,4 bis 7,8 Aktienexperten betreut. Die Elite der US-Industrie dagegen kommt fast ungeschoren davon: Konzerne, die in der Vergangenheit von 20 oder mehr Analysten beobachtet wurden, mussten lediglich ein Minus von 0,4 Prozent hinnehmen.

Das ernüchternde Gesamtergebnis der Reuters-Studie: Gegenwärtig wird ein Unternehmen des Standard & Poor?s 500 Index von durchschnittlich 15,6 Analysten betrachtet. Im abgelaufenen Quartal waren es noch 16,3. Ein Grund für die Abstriche sind nach Ansicht von Experten die neuen Regeln zur strikten Trennung von Investment-Banking und Research. Dadurch können die Researchabteilungen der Brokerhäuser bei Neuemissionen oder Übernahmen nicht mehr mitmischen. Aktienresearch wird somit für die Institute zum kostspieligen Vergnügen.

In der Praxis bekommen viele der größten Unternehmen, wie der Netzwerkausrüster Cisco Systems, nun allerdings deutlich mehr Aufmerksamkeit. War Cisco schon bisher das am meisten untersuchte Papier an der Wall Street, so bekam es jetzt noch drei Analysten dazu. Damit stieg die Zahl auf 39. AOL Time Warner bringt es gegenwärtig auf 29 (früher: 25), E-Bay auf 17 (12).

Gewiss: Viele an der Wall Street notierte Unternehmen haben mit nachlassendem Interesse an ihren Aktien zu kämpfen. Doch ein Trost bleibt: Die Zahl der Aktienempfehlungen (Kaufen, Halten, Verkaufen) für die S&P 500-Unternehmen steigt stetig. Waren es zu Beginn des Jahres 2001 noch 7 356 Empfehlungen, so zählte Reuters Research aktuell fast 8 000. Experten erklären die Entwicklung aber damit, dass jeder verbliebene Analyst insgesamt mehr Aktien beobachten muss.

Und noch etwas hat sich geändert: Analysten äußern sich zunehmend negativ. Lauteten 2001 noch zwei Drittel der Empfehlungen auf "Kaufen" und nur ein Prozent "Verkaufen", so sind heute nur noch 40 Prozent der Urteile positiv, 11 Prozent der Aktien werden hingegen mit "Verkaufen" bewertet.

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