Auch an frustrierenden WM-Tagen er seine gute Erziehung nicht
Oliver Bierhoff: Der ewig Anständige

Unterhält sich Oliver Bierhoff mit seinem Vater Rolf über die Fußballbranche und das Führen einer Mannschaft in derselben, treffen bisweilen zwei Welten aufeinander. Hier der Senior, Vorstandsmitglied der RWE Energie AG, der zum harten Durchgreifen rät und bei mangelnder Disziplin schlicht kündigen würde.

SEOGWIPO. Dort der Junior, nach 14 Profijahren mit den Spielregeln der Szene bestens vertraut, der darauf verweist, dass das mit dem Kündigen nicht so einfach ist wie in der Wirtschaft, weil enorme Ablösesummen verloren gingen. "Wir sind eben keine normalen Angestellten", befindet Bierhoff im Handelsblatt-Gespräch.

Er selbst ist auch kein normaler Fußballer. Spötter behaupten, er habe das technische Vermögen eines Katsche Schwarzenbeck - also nahe null. Doch dass der Stürmer auf Rang sieben der ewigen DFB-Torschützenliste rangiert und in der ersten italienischen Liga Goalgetter Nummer eins war, kann freilich nicht allein auf Zufälle zurückzuführen sein. "So schlecht fällt die Bilanz meiner Karriere nicht aus. Ich habe sportlich, finanziell und menschlich eine Menge erreicht", rechnet Bierhoff vor. Vor allem freut ihn aber, "dass ich immer wieder zurückgekommen bin, obwohl man mich abgeschrieben hat". Vielleicht schafft er es ja auch bei seiner letzten WM noch einmal aus der Warteschleife ins Rampenlicht, obwohl ihn gestern im deutschen Lager niemand auf der Rechnung hatte, als es darum ging, wer morgen im Achtelfinale gegen Paraguay (8.30 Uhr MESZ) auflaufen wird. Dabei wäre eine Herausnahme des enttäuschenden Carsten Jancker fällig.

Beim DFB hat man Bierhoff eigentlich immer gern gesehen, weil er nicht gleich Theater machte, wenn er draußen saß. Wenn überhaupt, kamen ein paar vergleichsweise dezente Misstöne. Irgendwie passte Bierhoff ohnehin schon immer gut zum etwas angestaubten Verband. Nicht dass er ein permanenter Langweiler ist, aber für alles Freakige, fürs Bunte und Freche war er nie der richtige Protagonist.

Beherrscht, anständig, ordentlich, auch äußerlich - das war und ist Oliver "Knigge-Bierhoff". Irgendwann stellte mal jemand die Frage, ob er eigentlich täglich zum Friseur gehe. So akkurat ist das Haar stets in Form, und selbst nach diversen Kopfbällen ändert sich an dieser Tadellosigkeit wenig. Dass man ihm vorwirft, sich mit seinem guten Benehmen vom Rest der Kollegen abzuheben, ist für den Ex-Kapitän der Nationalelf völlig unverständlich. "Ich finde es erschreckend, dass in unserer Gesellschaft bestimmte Dinge auf den Kopf gestellt werden. Ich bin gut erzogen, habe entsprechende Manieren, und trotzdem schaffen es einige Journalisten, dies negativ darzustellen."

Der Umgangston macht für ihn die Musik. Auch in der Bundesliga, in der er das Verhalten vieler Klubfunktionäre nicht nachvollziehen kann. "Es gibt sicherlich einige gut geführte Vereine. Aber in der Wirtschaft würde es bestimmt nicht vorkommen, dass ein Bayer-Vorstand einem Schering-Vorstand sagt, was er alles verkehrt macht. In der Bundesliga dagegen schon."

Irgendwann kann er sich gut vorstellen, selbst zu der von ihm kritisierten Gruppe zu gehören. Während der Angreifer eine Trainerlaufbahn ausschließt, ist der Vermarkter oder Klubmanager Bierhoff denkbar. An Gerüchten, dass er beim Hamburger SV einsteigt, mangelt es nicht. Das BWL-Studium (Thema: "Die Bestimmung des Platzierungspreises von Aktien im Vorfeld einer Börseneinführung - eine vergleichende ökonomische Analyse am Beispiel des Börsengangs von Fußballvereinen") ist abgeschlossen, bei Sponsor Nike soll nach dem Ende der aktiven Karriere die Praxiserfahrung hinzukommen. Was sich bereits in vier Jahren auszahlen soll: "Irgendeine Aufgabe bei der WM in Deutschland", betont der 34-Jährige, "würde mich reizen."

Bei Nike läuft der Vertrag noch bis 2006. In Asien aber muss er in Adidas-Produkten auflaufen, was ihm gar nicht gefällt: "Deutschland ist eines letzten Länder, in denen der Verband darauf besteht, dass jeder Spieler die Schuhe des Teamausrüsters trägt." Wenn man, so erklärt Bierhoff, "beim DFB das Thema auch nur anspricht, werden sie schon nervös".

Der Nike-Vertrag ist der letzte verbliebene große Kontrakt, der von einst übrig geblieben ist. Nach dem Golden Goal bei der EM 1996 hatte es der Vermarktungsexperte Peter Olsson verstanden, den smarten Fußballer zum Werbeobjekt umzufunktionieren. Bierhoff löffelte Danone-Pudding, telefonierte für die Telekom, legte sein Geld in DWS-Fonds an und war auch Mr. Q bei Quelle. Nach sportlichen Tiefs war allerdings an Vertragsverlängerungen nicht mehr zu denken. DWS und Quelle tauchen auf seiner Homepage dennoch nach wie vor prominent auf.

Dass er es aber überhaupt dazu brachte, als bestvermarkteter Nationalspieler aller Zeiten in die Annalen einzugehen, mag angesichts fehlenden Drangs zur Schlagzeile überraschen. Bierhoff selbst weniger. "Vielleicht gerade deswegen", meint er mit Blick auf seine besagten guten Manieren. "Der Olli ist zu nett für diese Welt", schrieb kürzlich ein weiblicher Fan im Gästebuch der Bierhoff-Homepage. "Der freut sich sogar, wenn der blinde Jancker ein Tor schießt." Das sind jene Reaktionen, die der ewig Anständige nie verstehen wird.

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