Auch bei anderen europäischen Airlines bahnen sich Konflikte an
Tarifabschluss der Piloten weckt Begehrlichkeiten

Auf die Fluggesellschaften in ganz Europa kommen ungemütliche Zeiten zu. Angesichts der deutlichen Gehaltserhöhungen für die Piloten der Lufthansa scheinen sich auch andere Cockpit-Besatzungen ein Beispiel an ihren Kollegen nehmen zu wollen. "Das Tarifergebnis der Lufthansa-Piloten hat Signalwirkung", ahnt der Manager einer konkurrierenden Fluggesellschaft.

dc/ebe/hz DÜSSELDORF. Die Piloten von Air France, Iberia und Scandinavian Airlines System (SAS) würden sich nun am Schlichterspruch der deutschen Airline orientieren. Die Flugzeugführer der spanischen Iberia kündigten schon an, zwischen Juni und August an zehn Tagen mit Streiks gegen die schleppenden Tarifverhandlungen bei ihrer Gesellschaft zu protestieren.

Und auch in Deutschland sind die Airlines nach dem Schlichterspruch von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf weitere Turbulenzen gefasst. "Es ist davon auszugehen, dass es in der Szene nun große Unruhe geben wird. Piloten sind eine eingeschworene Gemeinschaft", sagt die Sprecherin einer deutschen Fluggesellschaft, die lieber ungenannt bleiben wollte.

Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) hat schon ihr nächstes Ziel ins Auge gefasst: Der Tarifvertrag für 625 Piloten des Regionalfliegers Lufthansa City-Line, einer 100-%igen Tochter des Konzerns, läuft Ende Juni aus. Und für die Piloten der konkurrierenden Deutschen BA will die Gewerkschaft in diesem Jahr erstmals einen Vergütungstarifvertrag aushandeln. "Spätestens im Herbst kommen die Forderungen auf den Tisch", sagte VC-Tarifexperte Thorsten Gommert dem Handelsblatt. Allerdings würden diese sich an den wirtschaftlichen Gegebenheiten der Fluggesellschaft orientieren. "Der Lufthansa - Abschluss war sehr speziell."

Zugleich weckt der hoch fliegende Piloten-Abschluss bei der Lufthansa neue Begehrlichkeiten. Die Summe der geplanten Gehaltssteigerungen "verletzt die Einkommensgerechtigkeit zwischen den Beschäftigungsgruppen des Konzerns", kritisierte das Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Verdi, Jan Kahmann. Dem Lufthansa-Vorstand müsse klar sein, dass die Zugeständnisse an die Piloten nicht ohne Folgen für das Boden- und Kabinenpersonal bleiben könnten. Für diese gut 50 000 Lufthansa-Beschäftigten hatte Verdi im März einen Gehaltabschluss über 3,5 % erreicht.

Verdi verhandelt bereits über eine Reform der Vergütungsstrukturen für das Boden- und Kabinenpersonal. Auch dabei bietet sich die Gelegenheit, das neue Gehaltsgefälle gegenüber den Piloten zu mildern. Und Verdi wird auch deshalb Flagge zeigen wollen, weil neu gegründete separate Berufsverbände für das Boden- und das Kabinenpersonal den Vertretungsanspruch der Großgewerkschaft in Frage stellen.

Wie stark nun das Tarifklima in anderen Branchen belastet wird, ist noch unklar. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hatte es bereits im Mai mit Blick auf die Metall-Tarifrunde Anfang 2002 als "verständlich" bezeichnet, "dass ein Metaller am Fließband fragt, warum er mit weniger zufrieden sein soll". Zugleich verweist die IG Metall aber stets darauf, dass sie ihre Tarifforderung erst am Jahresende aufstellen wird.

Genscher wertete den Piloten-Abschluss als "einmaliges, nicht wiederholbares" Ereignis. Nach seinem Schlichterspruch in dem seit Februar andauernden Tarifstreit werden die 4 200 Lufthansa-Piloten allein 2001 Einkommenssteigerungen von rund 28 % erhalten. Insgesamt bringt der Abschluss über die Laufzeit von dreieinviertel Jahren eine Erhöhung der Grundvergütungen um rund 20 % zuzüglich einer variablen Ergebnisbeteiligung.

Die Piloten müssen noch in einer Urabstimmung zustimmen. Ein Ergebnis soll frühestens in drei Wochen vorliegen. Ungeachtet kritischer Reaktionen einzelner Piloten erwartet die Vereinigung Cockpit breite Unterstützung. Mindestens 50 % der Piloten müssen für die Einigung votieren.

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