Auch Boehringer spricht lediglich von "einem Anfang"
Bundesregierung erwartet weitere BSE-Fälle

Die Bundesregierung rechnet mit der Aufdeckung weiterer BSE-Fälle bei deutschen Rindern, sieht aber keine Gefahr einer Verbreitung wie in Großbritannien.

Reuters BERLIN. Gesundheits-Staatssekretär Erwin Jordan dämpfte heute Befürchtungen, die Rinderseuche sei großflächig verbreitet: "Britische Verhältnisse werden wir mit Sicherheit nicht bekommen." In Schleswig-Holstein wurden unterdessen wie zuvor in Sachsen-Anhalt Vertöße gegen das Tiermehlverbot bekannt. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) forderte mehr Kontrollen und eine Intensivierung der Forschung zu BSE. Der Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim will im Spätsommer 2001 einen BSE-Test für lebende Rinder auf den Markt bringen.

"Ich gebe doch zu, wir haben alle nicht aufgepasst", sagte Schröder bei einer SPD-Veranstaltung im oberpfälzischen Weiden. Dies gelte für Politik, Landwirtschaft und Verbraucher. Eigentlich habe jeder wissen müssen, dass die Verfütterung tierischer Eiweiße an Wiederkäuer "auf Dauer nicht gut geht". Er kritisierte, dass das von der Europäischen Union (EU) verhängte Verfütterungsverbot für Tiermehl auf sechs Monate befristet ist. "Ich ärgere mich, dass die Europäische Union das nur für ein halbes Jahr gemacht hat", sagte der Kanzler.

In Schleswig-Holstein wurden in einer Reihe von Futtermittelproben Spuren von Tiermehl entdeckt. Bei acht von 36 Proben seien Tierzellen in einer Konzentration von rund 0,5 % gefunden worden, teilte das Landwirtschaftsministerium in Kiel mit, das den Tiermehlanteil als nicht Besorgnis erregend einstufte. Die Funde seien vermutlich auf Verunreinigungen beim Transport mit Lastwagen oder in den Futtermühlen zurückzuführen.

Tiermehl steht im Verdacht, BSE zu übertragen. Es darf seit 1994 nicht mehr an Wiederkäuer und seit dem 2. Dezember dieses Jahres in Deutschland - bis auf damals vorhandene Restbestände auf den Bauernhöfen - generell nicht mehr verfüttert werden. In Sachsen-Anhalt hatten Stichproben vorige Woche aber ergeben, dass das Verbot offenbar in großem Stil unterlaufen wurde.

Gesundheitsstaatssekretär Jordan sagte in der ARD, nach Beginn der flächendeckenden BSE-Tests bei geschlachteten Rindern Anfang Dezember sei zu erwarten gewesen, dass man auch infizierte Tiere finde. Dem Fernsehsender N-TV sagte Jordan, er rechne mit BSE-Verhältnissen wie in Frankreich. Dort komme auf etwa 200 000 Rinder ein infiziertes Tier.

Im bayerischen Oberallgäu hatte sich am Sonntag der BSE-Verdacht bei einer Kuh und damit der zweite Fall der Rinderseuche in Deutschland bestätigt. Ein Sprecher des Landratsamtes Oberallgäu sagte am Montag, man gehe von einer Infektion über das Futter aus. Dies lasse sich heute jedoch nicht mehr nachprüfen. Der erste deutsche BSE-Fall war Ende November in Schleswig-Holstein bekannt geworden. Für zwei weitere Verdachtsfälle in Bayern wird die endgültige Diagnose Mitte der Woche erwartet. Ministerpräsident Stoiber sprach von einem schweren Schlag für die Landwirtschaft. Die Bauern seien fassungslos, dass die Fälle ausgerechnet in Betrieben aufgetreten seien, die nach eigenen Angaben nie Tiermehl, sondern nur mit Kraftfutter vermischtes Gras verfüttert hätten.

Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) sagte im NDR, man müsse "ganz illusionslos" damit rechnen, dass weitere BSE-Fälle bestätigt würden. Bauernverband-Präsident Gerd Sonnleitner warnte vor Vergleichen mit Großbritannien. Dort seien in den vergangenen Jahren 180 000 Rinder sichtbar an BSE erkrankt, während die Tiere bei den beiden in Deutschland bisher bestätigten Fällen noch keine Krankheitszeichen gezeigt hätten.

Der Präsident der Bundestierärztekammer, Günter Pschorn, warf den Behörden nach Angaben des Saarländischen Rundfunks massive Versäumnisse bei der Tierfutterkontrolle vor. Mit großer Wahrscheinlichkeit sei Tiermehl in größerem Umfang verfüttert worden, als der Öffentlichkeit bekannt sei. Er bezweifle, dass dieser Umstand den Behörden nicht bekannt gewesen sei, sagte Pschorn nach Angaben des Senders weiter.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD) forderte eine bundesweite Ermittlungsstelle für Futtermittel. Es gehe darum, die Futtermittelströme der vergangenen Jahre zurückzuverfolgen. Bundesgesundheits-Staatssekretär Jordan sprach sich für eine Kennzeichungspflicht und eine Liste der zulässigen Inhaltstoffe bei der Herstellung von Futtermitteln aus: "Da ist noch einiges nachzuholen."

Vertreter von Umweltorganisationen und Öko-Bauern warnten in Berlin, auch Bio-Fleisch biete keine absolute Sicherheit vor BSE biete. Zwar sei ökologisch produziertes Fleisch eher frei von BSE-Erregern, dennoch könne man nicht absolut sicher sein, sagte Martin Hofstetter von Greenpeace.

Der Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim will im Spätsommer 2001 einen Test auf den Markt bringen, mit dem BSE bereits bei lebenden Tieren festgestellt werden könnte. Ein Konzernsprecher sagte, damit werde eine Früherkennung der Seuche möglich.

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