Auch CD-Rom-Laufwerk konfisziert
Computer - nur koscher ohne Modem

Die 27-jährige Israelin Ilana hat nie damit gerechnet, welch ein Albtraum der Kauf ihres Computers für sie bedeuten könnte. Sie wollte mit dem Gerät etwas über die Gestaltung von Websites lernen, doch der Gebrauch des Rechners war Anlass für die Sittenwächter in ihrer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde, eine Hexenjagd auf die junge Frau zu veranstalten.

Reuters TEL AVIV. Ausgelöst hatte alles ihr früherer Mann, der sich in der Hitze des Scheidungsprozesses bei den Sittenwächtern über den Computer beklagte.

Die Sittenwächter, die in den orthodoxen Gemeinden die Einhaltung der strengen religiösen Vorschriften überwachen, beschlagnahmten daraufhin den Computer und drohten, Ilana ihre vier Kinder wegzunehmen.

Ilanas "Sünden" sind allerdings in ihrer Gemeinde fast ebenso weit verbreitet, wie in jeder weltlichen Gesellschaft. Medienexperten schätzen, dass sich mittlerweile in 80 Prozent der ultra-orthodoxen jüdischen Haushalte Computer befinden. In den vergangenen Jahren entstand eine ganze Industrie, die sich darauf spezialisiert hat, Filme und Talk-Shows auf Computer-CDs zu produzieren, die den konservativen religiösen Ansichten der ultra-orthodoxen Juden gerecht werden.

Doch ihre ganzen Bemühungen um "koschere" Inhalte schützt diese Branche nicht vor dem Zorn der Rabbiner, die CD-Roms verbieten und den Computer als Schlüssel zu einem weiteren abscheulichen Laster sehen - dem Internet. Und manchmal wird eben ein Exempel statuiert.

"Sie riefen meine Mutter und meine zwei besten Freundinnen an und erzählten ihnen, ich arbeitete in einem Bordell", berichtete Ilana über die Aktionen der Sittenwächter. "Sie sagten außerdem, ich sei lesbisch, und sie drohten meinen Freundinnen, wenn sie den Kontakt zu mir nicht abbrächen, würden ihre Kinder aus der Schule geworfen und ihre Fotos in allen Straßen aufgehängt."

Für Ilana, die 1990 aus Moskau nach Israel auswanderte, wurden damit Erinnerungen wach: "Wenn man einen Anruf von den Sittenwächtern bekommt ... kriegt man eine Todesangst, genau wie in Russland, wenn der (Geheimdienst) KGB anklopfte."

Computer hielten in die religiöse Gesellschaft Israels zunächst als unentbehrliche Arbeitsgeräte Einzug. Die Hochtechnologie-Industrie des Landes wurde oft mit der im Silicon Valley in den USA verglichen. Der Sprung vom Arbeitsmittel zum Mittel für Spaß und Erholung war es nur ein kleiner Schritt, aber ein ungewohntes Phänomen für orthodoxe Juden, die ihr Leben als Dienst an Gott ohne Raum für Freizeit-Genüsse verstehen.

"Wir leben in einer zügellosen Generation, wie wir sie seit den Tagen der (Sint-)Flut nicht gesehen haben", heißt es in der Erklärung eines Rabbiner-Gerichts zu Computern. "Das moderne Zeitalter überschwemmt unsere Straßen mit der Kultur der Sünder ... Internet, Filme, Computerspiele, weltliche Lieder, als religiöse Melodien verbrämt, und Kleider von Sodom und Gomorrah. ... Die Modernisierung hat unsere Straßen in die Hölle verwandelt."

Diese Kritik hat Wirkung: Ilana erzählte, sie habe ihren Kindern eine zensierte Version des Walt-Disney-Klassikers "Schneewittchen und die sieben Zwerge" gezeigt. Herausgeschnitten sei die Szene gewesen, in der der Prinz die Heldin aus ihrem Schlaf wachküsst. Trotzdem habe die Mutter einer Freundin angerufen und entsetzt gesagte: "Es ist schrecklich, was du den Kindern zeigst."

Es gibt aber auch Befürworter von Computern unter den ultra-orthodoxen Juden. Sie argumentieren, man könne sich dem Fortschritt nicht in den Weg stellen. Auch Ilana sagte, sie werde sich trotz ihrer Erfahrungen nicht davon abbringen lassen, ihren Computer weiter zu nutzen. Den haben ihr die Sittenwächter mittlerweile zurückgegeben - zuvor bauten sie allerdings das CD-Rom-Laufwerk und das Modem aus.

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