Auch Ex-Geheimdienstchef gefasst
Der Sinneswandel des Tarik A.

Mit dem irakischen Vize-Ministerpräsidenten Tarek Asis hat sich der bislang prominenteste Vertreter der gestürzten irakischen Regierung den USA ergeben. "Er hat sich gestellt und wird derzeit von den Koalitionsstreitkräften vernommen", teilte das US-Militär am Freitag in Katar mit. Aus US-Kreisen verlautete, auch der ehemalige Spionagechef Faruk Hidschasi sei nahe der Grenze zu Syrien gefangen genommen worden. Faruk Hidschasi stand nicht auf der US-Liste der 55 meistgesuchten Iraker.

rtr/dpa BAGDAD. US-Präsident George W. Bush sprach erstmals öffentlich von der Möglichkeit, dass sich keine Massenvernichtungswaffen im Irak mehr befinden könnten. Sie könnten vernichtet oder außer Landes geschafft worden sein, sagte er. Der gestürzte irakische Präsident Saddam Hussein ist Bush zufolge möglicherweise schwer verletzt oder tot.

Nach US-Medienberichten stellte sich der 67-jährige Asis am Donnerstag in einem von Christen bewohnten Stadtteil Bagdads, nachdem er sich über einen Sohn und Freunde in den USA zuvor mehrfach über sein zu erwartendes Schicksal in US-Gewahrsam erkundigt hatte. Er habe sich versichern wollen, dass er würdig behandelt und medizinische Hilfe erhalten werde, zitierte der US-Sender CNN die Schwester des Politikers. In Washington hieß es, das US-Militär habe keinerlei Zugeständnisse gemacht.

Hidschasi ging den Angaben den USA am Donnerstag nahe der irakisch-syrischen Grenze ins Netz. Er leitete in den 90er den Auslandsgeheimdienst, der versucht haben soll, den damaligen US-Präsidenten George Bush in Kuwait zu töten. Danach war er unter anderem Botschafter in Tunesien und der Türkei.

Die USA haben noch nicht entschieden, ob gegen den ehemaligen irakischen Vizeregierungschef Tarik Asis Anklage erhoben wird. Das sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am Freitag in Washington. Ob Asis im Falle einer Anklage vor einem irakischen Gericht, einem internationalen Tribunal oder in den USA den Prozess gemacht werde, sei ebenfalls noch nicht entschieden. Ein Verfahren in den USA sei aber nicht "erste Wahl".

Unklar sei bislang auch, ob Asis als Kriegsgefangener im Sinne der Genfer Konventionen zu betrachten sei. "Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Anwälte, damit habe ich nichts zu tun", sagte Rumsfeld.

Auch was die Anklagepunkte gegen die anderen bislang festgenommenen irakischen Führungsmitglieder angeht, besteht Unklarheit, wie diese lauten und wie ihnen der Prozess gemacht werden soll. Nach Expertenangaben könnten ihnen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt werden. Die US-Armee bringt die hochrangigen Gefolgsleute Saddams nach eigenen Angaben außer Landes. Weniger prominente Gefangene würden dagegen nach wie vor in der Umgebung des Flughafens von Bagdad festgehalten, sagte Armee-Hauptmann Jared Robbins in Bagdad.

Die von den Amerikanern festgehaltenen Mitglieder der irakischen Führungsriege müssen nach Ansicht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) entweder formal angeklagt oder sobald wie möglich freigelassen werden. "Die Liste der meistgesuchten Iraker hat keine rechtliche Bedeutung", sagte Antonella Notari, die Sprecherin des IKRK.

Auf den Stützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba sollen nach Angaben von Rumsfeld keine der rund 7 000 irakischen Gefangenen gebracht werden. Dort werden internationalem Protest zum Trotz seit 15 Monaten mehrere hundert Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer aus Afghanistan festgehalten. Die USA betrachten die Männer als "gesetzlose Kämpfer", denen keinerlei Rechte zustehen.

Obwohl Asis auf der US-Liste der 55 meistgesuchten Vertreter der gestürzten Regierung auf Position 43 steht, betrachteten viele Iraker den Vize-Ministerpräsidenten als den bislang wichtigsten Fahndungserfolg der USA. "Er war sehr wichtig für Saddam Hussein", sagte ein Bagdader. Der 67-Jährige spricht fließend Englisch und war als früherer Außenminister und Dank der zahlreichen Fernsehauftritte im Zusammenhang mit dem Golf-Krieg 1991 neben Saddam selbst das weltweit bekannteste Gesicht der irakischen Führungsriege. Vor dem neuen Irak-Krieg am 20. März besuchte der Christ unter anderem Papst Johannes Paul II., der sich gegen einen Militärschlag aussprach.

Asis gehörte seit Jahrzehnten zum engsten Führungszirkel von Saddam Hussein und stand bis zuletzt loyal zum Regime in Bagdad. Als Christ und Nicht-Mitglied des Tikriti-Clans um Saddam war er dennoch eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Führung. In einem Interview hatte Asis noch Ende Januar versichert, er werde "lieber sterben" als "in ein amerikanisches Gefängnis, nach Guantanamo" zu gehen.

Als einen "guten Mann" beschrieb der Schwiegervater von Asis' Tochter, Mudhafar el Wakil, den irakischen Politiker. "Alle Menschen kennen ihn als einen höflichen Mann, einen diplomatischen Mann." Das sah der Oppositionsvertreter Nabil Musaui anders, der die Festnahme Asis mit Erleichterung aufnahm. Diese könne den Irakern dabei helfen, ihre Angst vor einer Rückkehr der alten Führung zu überwinden, sagte er CNN.

Das könnte auch Iraker im Ausland bewegen, in ihre Heimat zurückzukehren. Die UNO rechnet damit, dass bis zu einer halben Million Iraker zurückkehren könnten. Hunderttausende leben in Europa, Nordamerika und Australien. Viele von ihnen waren vor der Unterdrückung durch Saddam ins Exil geflohen.

Bush äußerte sich am Donnerstag zu der Frage, wo die von den USA behaupteten Massenvernichtungswaffen im Irak geblieben sind. "Wir wissen, dass er (Saddam) sie hatte, und egal, ob er sie zerstört, weggeschafft oder versteckt hat, wir werden die Wahrheit darüber herausfinden", sagte Bush beim Besuch eines US-Rüstungsbetriebs. Es war das erste Mal, dass er von der Möglichkeit sprach, dass die Waffen vor dem Krieg vernichtet worden sein könnten und möglicherweise nicht mehr gefunden werden. Die USA hatten ihren Militärschlag mit der Gefahr begründet, die von Massenvernichtungswaffen in den Händen Saddams ausgehe.

Über das Schicksal Saddams sagte Bush im US-Fernsehen, es gebe Hinweise, dass er bei Luftangriffen der USA getötet worden sein könnte. "Die Person, die (den USA) dabei half, die Angriffe auszuführen, glaubt, dass Saddam zumindest schwer verletzt wurde", sagte er dem US-Sender NBC. Der britische Außenminister Jack Straw bestätigte am Freitag, es gebe Berichte, dass Saddam sich an dem Ort aufgehalten habe, der von US-Kampfjets zu Beginn des Irak-Krieges bombardiert worden sei. Es gebe jedoch keine Beweise für dessen Tod, sagte Straw im Rundfunksender BBC.

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