Auch Fallobst schlägt zurück
Wenn Muskeln philosophieren

Zwei Ukrainier mit hakeligem Deutsch haben sich hier zu Lande einen Ruf erworben, der an Makellosigkeit kaum zu überbieten ist. Die boxenden Klitschko-Brüder sind somit auch für die Werbung interessant - auch wenn sie bisweilen k.o. gehen.

HAMBURG. Sie lachen herzhaft, die Herren von Kellogg?s Deutschland. Die leise Vermutung, dass Wladimir Klitschko vor seinem verlorenen WM-Kampf gegen Corrie Sanders im März zu wenig Cornflakes aus ihrem Hause verspeist habe, ist ganz nach ihrem Geschmack. Dann aber geben Marketingdirektor Christian Conrad und Vertriebschef Ingo Köhler unisono zu, dass diese nicht ganz ernst gemeinte Erklärung für den unerwarteten k.o. wohl doch "etwas kühn" wäre.

Auch der Ex-Weltmeister selbst mag im Handelsblatt-Gespräch der Theorie nicht folgen. "Der Ernährungsbereich", meint der Autor eines Fitnessbuchs, "ist zwar wichtig, der mentale in diesem Fall aber war wichtiger." Der Mann, der zusammen mit Bruder Vitali das berühmteste Box-Brüderpaar bildet, vergisst aber nicht seine Mission als Bewerber von Kellogg?s-Cerealien und Ferroros "Milchschnitte". "Das sind Super-Produkte", sagt er das, was er sagen muss. Um schließlich festzustellen: "Wir sollten das Thema wechseln, ich kriege langsam Hunger."

Also, zurück zum Sportlichen, zur Sensationsniederlage gegen den Südafrikaner Sanders. Damals sei er "nicht voll konzentriert gewesen", "viele Dinge" seien zusammengekommen. Wie all dies möglich gewesen ist, darauf habe er aber die Antworten inzwischen gefunden: "Es gibt keine offenen Fragen mehr und keine dunklen Flecken." Behauptet er, während die Mimik etwas anderes vermuten lässt. Die Knock-Out-Schmach von Hannover scheint zwar nicht mehr in den Gliedern, sehr wohl aber noch im Kopf zu stecken. Wogegen weder süße Schnitten noch Frühstücks-Flakes helfen.

Ab Montag jedoch ist er im doppelten Werbeeinsatz. Während die gut bezahlten Milchschnitten-Spots bereits laufen, ist der zweite schauspielerische Job in eine andere Kategorie. Als "Heroes for Kids" engagieren sie sich für die Unesco und wollen mit Hilfe von Kellogg?s im Rahmen einer Spendenaktion Geld für die Aktion "Bildung für Kinder in Not" sammeln. Finanziert werden sollen möglichst viele Schulstunden insbesondere in Dritte-Welt- Ländern. Kellogg?s-Mann Conrad will so die Mittel für "Minimum 2,5 Millionen Schulstunden" erreichen. Die Spendennummer (Kontonummer 222, BLZ 300 400 00, Commerzbank Düsseldorf) ist ebenso wie die Konterfeis der Sportler fortan auf den Packungen zu finden. Heute wird die Aktion in Hamburg vorgestellt, ab Montag laufen die TV-Spots mit den Ukrainern in ihrer Rolle als Lehrer in einer bunt gemischten Klasse.

Das Drehen des Spots habe "Riesenspaß" gemacht, seit seinem Kurzauftritt im Hollywood-Streifen "Ocean?s Eleven" hat Wladimir Klitschko Gefallen am Showgeschäft gefunden. "Letztlich", so sagt der Doktor der Sportwissenschaft und Philosophie in seiner unnachahmlichen Art, "sind wir doch alle Künstler. Boxer genauso wie Journalisten oder Politiker." Als er mal Bill Clinton kennengelernt habe, sei er schwer beeindruckt gewesen. Der ehemalige US-Präsident habe jedem "das Gefühl von Wichtigkeit gegeben".

So oder ähnlich redet Klitschko gern und ausschweifend über Dinge, die auf den ersten Blick nicht gerade zur Kernkompetenz von Boxern zählen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema "Pädagogische Kontrolle bei Nachwuchssportlern" hat er mal vor deutschen Studenten vorgetragen. "Da fühlt man sich fast schon als Professor", sagt der 27-Jährige. Dass noch immer im Forum seiner Homepage darüber spekuliert wird, dass er und Bruder Vitali ihre Doktortitel in der Ukraine gekauft haben, entlockt ihm nur ein müdes Lächeln: "Befragen Sie mich doch zu dem Thema meiner Arbeit."

Ähnlich ergeht es ihm, wenn behauptet wird, dass die Klitschkos stets gegen zweitklassige Gegner angetreten wären. "Sicher, das waren alles nur Gurken, alles nur Fallobst. Ich hätte aber nicht gedacht, dass Fallobst derart zurückschlagen kann", referiert der Schwergewichtler mit einem Augenzwinkern. Durch die Sensationsniederlage gegen Sanders habe er "nichts verloren, außer Zeit". Seine Hoffnung: "Vielleicht werde ich später, wenn ich wieder Weltmeister bin, sagen, dass sie mir sogar geholfen hat." Ohnehin sei durch die Schlappe "alles ein bisschen interessanter geworden". Denn: "Immer nur zu gewinnen ist doch langweilig. Jetzt stellt sich vielmehr die spannende Frage: Wie geht es weiter?"

Jedenfalls nicht mit einem direkten Rückkampf gegen den zehn Jahre älteren Afrikaner. Zunächst steht im Juli oder September ein Fight gegen einen noch nicht benannten Kontrahenten auf dem Programm. Bruder Vitali hingegen hat mal wieder die Zusicherung, bis spätestens Dezember gegen den WBC-Champion Lennox Lewis antreten zu dürfen. Wladimir Klitschko aber glaubt an das Zustandekommen des großen Duells erst, "wenn beide im Ring stehen". Dass Lewis bislang Angst hatte, denkt er nicht: "Nein, er kneift nicht. Das ist kompletter Unsinn."

Auch bei dieser Frage beweist der Ukrainer Stil und straft alle Lügen, die glauben, Boxer seien tendenziell Proleten. Als Vitali nach Wladimirs Niederlage gegen Sanders dem Gegner noch im Ring lautstark die Revanche ankündigte, war dies ein seltenes Beispiel dafür, dass auch ein Klitschko vereinzelt die Beherrschung verliert. "Er hat ihm nur gesagt: Junge, Glückwunsch zum Sieg. Aber den Titel holen wir in die Familie zurück", erzählt der Verlierer.

Um dann - der Philosoph im Hünen erwacht erneut - hinzuzufügen: "Auch wir sind nicht aus Holz oder Metall. Ein Mensch ohne Emotion ist ein kranker Mensch." Bei ihm und seinem Bruder sei die Sachlage ganz einfach: "Wenn einer kurzfristig Pech hat, kommt der andere und stellt die Familienehre wieder her. Das ist der Double-Effekt." Ein Effekt, der im Übrigen auch bei Christian Conrad volle Wirkung erzielt. Der Kellogg?s-Marketingdirektor nutzt die Klitschko-Brüder zur Erziehung seiner Kinder. "Meinen Söhnen sage ich immer, nehmt euch die Klitschkos zum Vorbild. Haut euch nicht, sondern seid wie Wladimir und Vitali dicke Freunde und ein enges Team."

Quelle: Handelsblatt

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