Auch flexiblere Arbeitszeitmodelle gefragt
Straffe Organisation

Ob Betriebskindergarten oder Teilzeit: Kostspielige Wohltaten für Mitarbeiter, die diesen den Balanceakt zwischen Beruf und Familie erleichtern, können sich für Unternehmen rechnen.

Claudia Ardern ist Karrierefrau - und Mutter. Sie kümmert sich beim Kosmetik-Riesen Beiersdorf um die konzernweite Personalentwicklung. Ihr Arbeitstag beginnt um 8.30 Uhr und endet gegen 18.30 Uhr - Überstunden nicht ausgeschlossen. Dieses Arbeitspensum schafft die zweifache Mutter nur mit einem straffer Organisation. Nach dem Familienfrühstück bringen die Eltern ihre Kinder in die Schule und das firmeneigene Kindertagesheim. Erst am Abend sehen Lisanne (6) und Isabel (4) ihre Eltern wieder. In der übrigen Zeit übernimmt eine Kinderfrau die Betreuung, ebenso bei Krankheit und Reisen der Eltern.

Von den Hürden für berufstätige Mütter kann auch Stephanie Krink berichten. Die stellvertretende Kreativdirektorin bei der Werbeagentur Springer & Jacoby (S&J) stieg eineinhalb Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Emma wieder in den Job ein - als Texterin mit 20 Stunden pro Woche. "In meiner vorherigen Leitungsposition wäre eine Teilzeitbeschäftigung nicht möglich gewesen", erklärt die 34-Jährige ihren beruflichen Abstieg.

Ardern und Krink können sich dennoch glücklich schätzen. Beide arbeiten in Unternehmen, die sich sozial für ihre Mitarbeiter engagieren. Schon 1938 gründete Beiersdorf ein Kindertagesheim. Die Einrichtung bietet heute Platz für 60 Kinder zwischen neun Wochen und sechs Jahren. Die Gesamtkosten für das Unternehmen betragen jährlich rund eine Million Mark.

Vorteile für Unternehmen und Eltern

Seit 1992 können auch S&J-Mitarbeiter ihren Nachwuchs unterbringen, bei den betriebseigenen Stadtnasen. "Der Kindergarten fördert die gute Laune der Mitarbeiter", sagt S&J-Geschäftsführer André Kemper. Die 22 Plätze für Zwei- bis Sechsjährige schlagen mit rund 120 000 DM jährlich zu Buche.

Eltern wie Unternehmen bringt eine betriebsnahe Kinderbetreuung eindeutig Vorteile: Öffnungs- und Ferienzeiten können den Unternehmensbedürfnissen angepasst werden. "Da der Betriebskindergarten ein Teil des Unternehmens ist, sind die Eltern eher bereit, ihre Kinder früh dorthin zu geben", glaubt Kemper.

Hans Joachim Bartels, Beiersdorf-Leiter Human Resources Cosmed, sieht, dass das Kindertagesheim den Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf erleichtert. "Ich glaube allerdings nicht, dass ein Kindertagesheim als strategisches personalpolitisches Instrument taugt", so Bartels. Die Karriere kann die Einrichtung schon deshalb nicht fördern, weil die Öffnungszeiten nicht reichen, um dem Job gerecht zu werden. Claudia Ardern: "Ohne Kinderfrau ist ein gehobener Vollzeitjob nicht zu machen."

Hermann-Josef Moths, Leiter der betrieblichen Sozialarbeit bei Henkel in Düsseldorf meint ebenfalls, dass für Karrierefrauen individuelle Lösungen gefragt sind. Henkel hat 1997 nach über 50 Jahren den Betriebskindergarten geschlossen und kooperiert nun mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Im Münchner Burda-Verlag klingt Sprecher Nikolaus von der Decken optimistischer: "Unser Betriebskindergarten Burda-Bande fördert auf jedem Fall die Karriere weiblicher Führungskräfte." Auch der Tübinger Textilhersteller Rösch konnte durch seinen Betriebskindergarten hoch qualifizierte Frauen im Unternehmen halten.

Unternehmen können Betreuungsdefizite nicht auffangen

In Deutschland gibt es 349 betrieblich geförderte Kindertagesstätten. "Sie sind eine wichtige Ergänzung", sagt Beate Mose, Pressesprecherin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Defizit in Sachen Kinderbetreuung können die Unternehmen allerdings nicht auffangen. Besonders für Kinder unter drei Jahren und Schulkinder fehlen Betreuungsplätze. So sind in den alten Bundesländern nur drei Prozent aller Kinder unter drei Jahren in einer Tageseinrichtung. In den neuen Ländern liegt die Quote immerhin bei 36 Prozent.

Ein Ganztagesplatz kostet im Monat weit über 1 000 DM. "Öffentliche Zuschüsse wurden uns erst nach langen Diskussionen mit den Behörden gewährt", erzählt Frauke Eckert, Leiterin Management Business Affairs bei der Verlagsgruppe Milchstrasse. Das Verlagshaus hat im Oktober die Tageseinrichtung Milchschnitten mit 20 Betreuungsplätzen gegründet. Neben den rund 250 000 DM Anlaufkosten rechnet der Verlag mit jährlichen Kosten von 150 000 bis 200 000 DM.

Die Kosten sind für Rösch-Personalleiter Thomas Saile, kein Gegenargument. Rund 150 000 DM jährlich investiert das Tübinger Textilunternehmen in den Anfang der siebziger Jahre gegründeten Betriebskindergarten. Das Land Baden-Württemberg bezuschusst den Kindergarten seit drei Jahren mit 70 000 DM jährlich. Im Gegensatz zu den meisten anderen betriebseigenen Einrichtungen müssen die Eltern nichts dazuzahlen. Zusätzlich baute das Unternehmen für die Mitarbeiter Schwimmbad und Tennisplatz. Die Investitionen rechnen sich. "Die Fehlzeitenquote liegt mit 3,5 Prozent im Branchenvergleich auf einem konstant niedrigen Niveau", so Saile. Stiege der Krankenstand um ein Prozent, schlage dies mit rund 380 000 DM zu Buche. Da seien die Sozialleistungen des Unternehmens kostengünstiger.

Flexiblere Arbeitszeitmodelle als Alternative

Ein betriebseigener Kindergarten ist freilich nicht die einzige Möglichkeit, den Balanceakt zwischen Beruf und Familie zu erleichtern. So unterstützen Unternehmen wie Telekom und Commerzbank Mitarbeiter bei der Suche nach Kinderbetreuungsplätzen. Die Commerzbank hat zusätzlich noch einen Notfallkindergarten gegründet. Dorthin können Mitarbeiter ihre Kinder bringen, wenn die gewohnten Lösungen zerbröseln. "Wir haben im vergangenen Jahr rund 700 Ausfalltage und damit 520 000 DM gespart", rechnet Klaus Enz, Projektleiter Personal bei der Commerzbank in Frankfurt vor. Die Kosten der Einrichtung: maximal 300 000 DM im Jahr.

Andere Unternehmen setzen auf flexiblere Arbeitszeitmodelle. Beim Softwareunternehmen Comet Computer, München, arbeiten mehr als die Hälfte der rund 60 Mitarbeiter in flexibler Teilzeit vor Ort oder von zu Hause aus. "Teilzeitkräfte haben bei uns die gleichen Chancen auf Führungspositionen wie die Vollzeitkräfte", betont Marketingleiterin Marianne Pfister. Damit die Unternehmensabläufe reibungslos funktionieren, koordinieren zwei Vollzeitkräfte die Arbeitszeiten.

Über jährliche Arbeitszeitkonten verfügen die Mitarbeiter der Dortmunder Continentale Versicherungsgruppe. "Unsere Mitarbeiter arbeiten in rund 350 verschiedenen Arbeitszeitvarianten", sagt Personalchef Peter Schumacher. Zudem unterstützt das Unternehmen die Suche nach geeigneten Betreuungsmöglichkeiten für Mitarbeiterkinder.

Über flexiblere Arbeitszeiten in Führungspositionen würden sich auch Claudia Ardern und Stephanie Krink freuen. Doch bis das in Unternehmen die Regel wird, sind ihre Kinder wahrscheinlich aus dem Haus.

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