Auch im Herbst müssen Aktionäre vergeblich auf gute Nachrichten warten
Nach der Gewinnwarnung ist vor der Gewinnwarnung

Kaum sind die Halbjahreszahlen gelaufen, schon rechnen Aktienstrategen mit einer weiteren Welle von Gewinnwarnungen. Erneute Rückschläge für die Börsen schließen sie allerdings aus. Dafür haben die Kurse zuletzt zu stark gelitten. Unklarheit herrscht jedoch, ob es nach den "Kehraus" im kommenden Jahr wieder nach oben geht.

FRANKFURT/M. Gerade erst zwei Wochen ist es her, dass die letzten Halbjahreszahlen die Anleger quälten, schon droht neues Ungemach: Aktienstrategen sehen erneut eine Welle von Gewinnwarnungen auf die Anleger zukommen. Zwei Gründe machen sie dafür verantwortlich. Zum einen dürften viele Unternehmen die Gelegenheit nutzen, um in die sowieso verhagelte Bilanz weitere Abschreibungen vorzunehmen. "Kehraus" nennen das die einen, "Herbstputz" die anderen. Zweitens zeigt gerade die historische Betrachtung, dass die Monate September und Oktober bisher stets diejenigen mit der größten Anzahl an Gewinnwarnungen waren.

Der Anreiz, reinen Tisch zu machen, werde deshalb auch diesmal groß sein, heißt es von Seiten der West LB Panmure. Deutliches Indiz ist bereits, dass gerade in den USA die Gewinnerwartungen der Unternehmen seit Juli deutlich zurückgegangen sind. Allgemein rechnen Experten damit, dass sich diese Tendenz auch im Europa fortsetzen wird. "Die Schätzungen sind zu Jahresbeginn oft generell zu optimistisch" so die Erfahrung von Andreas Hürkamp von West LB Panmure. Deswegen rechnet er gerade in den nächsten beiden Monaten bei etlichen Unternehmen mit hohen Abschreibungen. "Dies wird auf jeden Fall ein Thema sein. Manche Unternehmen werden den Goodwill sogar komplett auf Null abschreiben", so sein Resümee. Dieser Trend werde weltweit und durch alle Branchen spürbar sein.

Besonders betroffen könnten erneut die Bereiche Technologie, Medien und Telekom (TMT) sein. Hier gab es in den Jahren 1999 und 2000 besonders viele Zukäufe, weshalb hier nun mit erhöhtem Abschreibungsbedarf gerechnet wird. ACG, Internationalmedia oder Mobilcom waren hier zuletzt krasse Beispiele. Speziell für den Neuen Markt rechnet Hürkamp mit weiteren, teils dramatischen Abschreibungen. Das könnte dann auch auf den Bankensektor Auswirkungen haben, so der Stratege. Wenn angeschlagene Unternehmen zunehmend ihre Kredite nicht mehr bedienen könnten, kommen auch die Bilanzen der Banken unter Druck.

Für Anleger schließen die Experten aber trotz dieser düsteren Aussichten weiteres Ungemach aus: "Die Märkte sind bereits heute sehr stark unterbewertet, deswegen rechne ich in den kommenden Wochen mit keinen weiteren starken Kursrückgängen", so Hürkamp. Grund dafür ist die Tatsache, dass bereits sehr viele Risikofaktoren in den Kursen enthalten sind. Gemeint sind damit beispielsweise die derzeit schlechte konjunkturelle Lage, die Gefahren eines Irak-Krieges oder erneuter Terror-Attacken sowie der hohe Ölpreis. "Damit ist bereits eine hohe Wahrscheinlichkeit für negative Überraschungen eingepreist", so Hürkamp. Allerdings werden auch positive Überraschungen weitgehend ausgeschlossen. "Das Gewinnniveau wird im vierten Quartal so sein wie im zweiten", beurteilt Klaus Schlote von Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) die Lage.

Gespalten sind die Experten bei der Frage, was das kommenden Jahr für die Aktienmärkte bringen wird. "Je weiter die Analysten momentan in die Zukunft schauen, umso optimistischer sind sie", so Schlotes Einschätzung der Situation. Vielerorts beurteilen Analysten die Aussichten für 2003 als sehr gut. "Viele Unternehmen sind sehr vorsichtig geworden und haben sich bewusst keine hohen Ziele für 2003 gesetzt", so Andreas Hürkamp. Deswegen rechnet er mit einer positiven Entwicklung der Aktienmärkte im ersten Halbjahr.

Diese Meinung findet nicht überall Zustimmung. Ein Grund dafür ist, dass sich die Aktienmärkte in der zweiten Jahreshälfte 2001 in einer ähnlichen Situation befanden, in der viele Experten mit einem "Herbstputz" und einem anschießend deutlich besseren Jahr 2002 rechneten. Deshalb finden sich auch kritische Stimmen. "Wir erleben derzeit das Phänomen, dass viele Gesellschaften zwar die Gewinnschätzungen für 2002 zurücknehmen, nicht aber die für 2003" sagt Ralf Zimmermann vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Deswegen rechnet er vor allem für das kommende Jahr mit weiterem Anpassungsbedarf. Auch Klaus Schlote fehlt der Glaube an eine substanzielle Verbesserung der Stimmung. Der aus der Fußballersprache entlehnte Spruch "Nach der Gewinnwarnung ist vor der Gewinnwarnung" dürfte so in Bankenkreisen noch längere Zeit die Runde machen.

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