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Auch in Bush-Land wächst der Zweifel

Wer in das texanische Dörfchen Crawford fährt, weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat. "Wir danken unseren Truppen", steht auf einer Backstein-Mauer am Lone Star Parkway.

Wer in das texanische Dörfchen Crawford fährt, weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat. "Wir danken unseren Truppen", steht auf einer Backstein-Mauer am Lone Star Parkway. Überall erinnern gelbe Stoffbänder an den Einsatz der US-Soldaten im Irak.

Der 705-Seelen-Ort westlich von Waco ist tiefstes Bush-Land. Die Einwohner sind stolz, dass der Präsident hier seine Ranch hat. "It’s the Western White House in Texas", sagen sie. Viele denken wie die 34-jährige Kassiererin Alison Gray, die gerade ihren Job verloren hat: "Wenn wir nicht am Golf wären, hätten wir schon längst einen neuen 11. September gehabt."

Und dennoch wächst auch in der vermutlich größten Bush-Hochburg im Land der Zweifel. "Wir haben zu viele Leute im Irak", klagt der Rentner Joe Daniels. "Jetzt bräuchten wir sie dringend für die Aufräum-Arbeiten nach den Wirbelstürmen." Die 44-jährige Hausfrau Heidi Dawson sieht das ganz genauso. "Es war richtig, gegen Saddam Hussein vorzugehen", betont sie. "Aber nun sollten unsere Soldaten nach Hause kommen." Die Sekretärin Shirley Engelbreith malt ein dunkles Szenario: "Der Krieg zieht sich endlos. Wenn wir nicht aufpassen, bekommen wir ein zweites Vietnam." Sie plädiert für sofortigen Rückzug. "Sollen die sich im Irak die Köpfe einschlagen", fügt sie hinzu. Finstere Gedanken, die so gar nicht zu den idyllischen Holzhäuschen am Rande der Prärie passen.

Wenn sich jedoch im Herzland Amerikas Pessimismus einschleicht, müssen in Washington die Alarmglocken läuten. Dann gibt es an anderen Orten noch viel mehr Skepsis als in Crawford. Eine neue Umfrage des "Council on Foreign Relations", einer Denkfabrik in Chicago, scheint dies zu belegen. Demnach sind nur noch 35 Prozent der US-Bürger dafür, dass Demokratie mit militärischer Gewalt verbreitet wird. 74 Prozent meinen, dass der Sturz Saddams kein ausreichender Kriegsgrund gewesen sei.

Bushs Rechtfertigungs-Gebäude für den Irak wurde von der Realität wegerodiert. Der Präsident ist in diesen Tagen nur noch ein Schatten seiner selbst. Schleppendes Krisen-Management nach dem Hurrikan "Katrina", hohe Benzinpreise, Gewaltwelle am Golf, Korruptions-Vorwürfe in seiner Partei: Bushs Nimbus vom 11. September ist nur noch eine Fata Morgana.

Jetzt versucht der Präsident verzweifelt, zu früherer Stärke zurückzufinden. Am 6. Oktober will er die Amerikaner von den "Fortschritten" im Irak überzeugen. Ein gigantisches Manöver aus Brechstangen-Politik, Image-Akrobatik und virtueller Sieges-Rhetorik. "We will stay the course until the job is done . . ."


Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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