Auch in Deutschland gibt es Anbieter
Verkaufen, was einem nicht gehört

Der Aktienmarkt macht es möglich. Das Instrument des Leerverkaufs ist aber sehr risikoreich.

DÜSSELDORF. Die Erde ist eine Scheibe, und in Deutschland dürfen Privatanleger keine Leerverkäufe tätigen. Beide Aussagen haben ungefähr den gleichen Wahrheitsgehalt. Während sich aber zumindest die Einsicht über die Kugelform des Heimatplaneten allgemein durchgesetzt hat, glauben immer noch viele private Investoren, dass es ihnen verboten ist, Aktien zu veräußern, die ihnen gar nicht gehören. Dabei ist diese Vorgehensweise auch für sie möglich.

Der Leerverkauf ("Shortselling") funktioniert so: Ein Investor leiht sich bei einem Händler, einer Bank oder einer Anlagegesellschaft Aktien gegen eine Gebühr. Die Papiere verkauft er an der Börse. Sinkt der Aktienkurs danach, geht seine Spekulation auf. Er kauft die Papiere zu einem niedrigeren Preis an der Börse und gibt sie seinem Leihgeber zurück. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufkurs ist sein Gewinn. Wer Aktien leer verkauft, rechnet also damit, dass die Titel an Wert verlieren. Erweist sich diese Hoffnung als falsch, sind Verluste unvermeidlich: Spätestens am Ende der Leihfrist muss sich der Spekulant die Aktien am Markt besorgen und dem Besitzer zurück geben - auch wenn das Papier mittlerweile zu Mondpreisen notiert. Das Verlustpotenzial ist daher theoretisch unbegrenzt - ganz im Gegensatz zum normalen Aktienkauf, bei dem Anleger maximal nur ihren Einsatz verlieren können.

Zwar können Spekulanten auch mit Verkaufsoptionsscheinen und-Optionen (Puts) auf fallende Kurse setzen. Allerdings spielt bei Puts die Schwankungsbreite (Volatilität) des zu Grunde liegenden Basiswertes eine wichtige Rolle. Geht sie zurück, wirkt sich das negativ auf den Preis einer Option aus. Dieser Nachteil besteht bei Leerverkäufen nicht. Mit diesem Instrument lassen sich oft auch kleinere Kursrückgänge effektiv nutzen.

Unter institutionellen Marktteilnehmern sind Leerverkäufe üblich. Durch die Leihgebühren bessern die meisten Fonds die Performance ihrer Produkte auf. "Ungefähr zehn Prozent unseres Aktienfondsvermögens haben wir ständig verliehen", sagt der Sprecher einer großen deutschen Fondsgesellschaft. Entleiher sind aber fast immer nur professionelle Marktteilnehmer wie Hedge-Fonds.

In den USA können auch Privatanleger mit geliehenen Aktien auf fallende Kurse wetten. In Deutschland sind diese Geschäfte jedoch kaum üblich. Dabei spricht rein rechtlich nichts dagegen. "Von Seiten unserer Behörde gibt es keine Bedenken", sagt Oliver Struck vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen. Ähnlich äußert sich das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel. Juristisch umstritten ist lediglich, ob die Kunden termingeschäftsfähig sein müssen.

Nach Meinung von Experten liegt es vor allem am hohen Risiko der Leerverkäufe, dass nur wenige Banken und Broker das Instrument auch Privatanlegern ermöglichen. "Wir haben auch eine Beratungs- und Fürsorgepflicht", sagt Markus Kiefer von der Direkt Anlage Bank, "so ein hoch spekulatives Geschäft wollen wir unseren Kunden nicht anbieten". Bei einer anderen Gesellschaft heißt es: "Manchmal muss man die Leute auch vor sich selber schützen." Natürlich steckt dahinter auch die Sorge, schwer zu kalkulierende Risiken in die Bücher zu nehmen: Denn was passiert, wenn ein Anleger die geliehenen Aktien nicht zurück geben kann, weil er sich völlig verspekuliert hat? Bei institutionellen Investoren ist dieses Bonitätsrisiko deutlich geringer.

Dennoch gibt es auch in Deutschland Anbieter, die Privatanlegern das Shortselling ermöglichen. "Wir bieten Leerverkäufe einem ausgewählten Kreis von Kunden an, die über reichlich Erfahrung an den Märkten verfügen", erklärt ein Sprecher des Discountbrokers Consors. Dabei gebe es strenge Sicherheitskontrollen. Wie viele Kunden das Angebot nutzen und welche Kriterien genau erfüllt werden müssen, mag er allerdings nicht sagen. "Wir regeln das individuell auf Anfrage." In jüngster Zeit verzeichne Consors ein steigendes Interesse.

"Die Möglichkeit der Leerverkäufe für Private wird sich auch in Deutschland durchsetzten - auch wenn es natürlich kein Massengeschäft wird, weil es längst nicht für jeden Anleger in Frage kommt", sagt Ingo Hillen, Vorstand des Düsseldorfer Brokers Sino, der das Shortselling in Zusammenarbeit mit HSBC Trinkaus & Burkhardt seinen Kunden anbietet. Wer über Sino spekuliert, gehört in der Regel zur Gruppe der so genannten "Heavy Trader", betreibt den Wertpapierhandel meistens halbprofessionell. Allein die Miete für die Handelsplattform x-trader kostet 1 250 Euro pro Monat. Erst wenn der Monatsumsatz 2,5 Millionen Euro übersteigt, reduziert sich die Gebühr. Sino-Händler wachen darüber, dass die Kunden vereinbarte Risikogrenzen beachten. Wer seine Geschäfte innerhalb eines Tages ("intraday") abwickelt, kann alle handelbaren Aktien leer verkaufen. Länger offen bleibende Geschäfte ("overnight trades") sind bislang nur bei Dax-Titeln möglich. Die maximale Leihdauer der Aktien beträgt sieben Tage. Zu den normalen Handelskosten kommt dann noch eine "Leihgebühr" von 60 Euro hinzu.

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