Auch in Deutschland wird gefeiert
Türkei versinkt in Freudentaumel

Ein Aufschrei ging am Samstag durch die Türkei, als Ilhan Mansiz in der 94. Spielminute das "Golden Goal" gegen die Senegalesen erzielte. Schreie von den Balkonen, Feuerwerk und Hupkonzerte auf den Straßen. Trotz brütender Hitze hielt es kaum einen Fußballfan auch nur eine Sekunde länger vor dem Fernseher.

dpa ISTANBUL/HAMBURG. Wie nach dem Sieg gegen Japan im WM-Achtelfinale strömten Zehntausende im ganzen Land ins Freie, schwenkten Fahnen, tanzten auf den Straßen.

Ähnliche Szenen spielten sich in deutschen Großstädten ab. Nach der Entscheidung in Osaka verwandelten türkische Anhänger den Berliner Stadtteil Kreuzberg in eine riesige Party-Meile. Mit Autokorsos, Hupkonzerten und Feuerwerksböllern bejubelten die Fans den ersten Einzug in ein WM-Halbfinale und legten wie in Köln, München, Wuppertal oder Bochum zeitweise den Straßenverkehr lahm.

In der Türkei blendete das Staatsfernsehen TRT "Danke, Ihr türkischen Löwen!" wieder und wieder auf den Bildschirmen ein. Der private Sender Show TV unterlegte seine Bilder mit dem Lied, das Popstar Tarkan der Nationalmannschaft gewidmet hatte.

Noch bevor Jungstar Ilhan Mansiz sein Tor schoss, war in den Cafes und Bars in Ankara Jubel ausgebrochen, als Trainer Senol Günes den seit Beginn der WM glücklosen Hakan Sükür vom Feld nahm. Der einstmals stürmisch gefeierte Star hat sein früheres Ansehen ganz offensichtlich verspielt.

Unterdessen verwandelten sich der Taksim-Platz in Istanbul ebenso wie der Kizilay-Platz in Ankara in ein wogendes Meer von rot-weißen Halbmondfahnen. "Um fünf (Uhr) auf dem Taksim", hatte das Massenblatt am Samstag auf der Titelseite auf Verdacht zum Feiern aufgefordert - und wieder einmal richtig gelegen. Eine andere Zeitung verteilte kostenlos Nationalflaggen mit dem Atatürk-Spruch: "Glücklich ist derjenige, der sagen kann: Ich bin Türke."

"Mit der Form, die unsere Mannschaft heute gezeigt hat, brauchen wir niemanden zu fürchten", lauteten die zuversichtlichen Kommentare mit Blick auf das Halbfinalspiel gegen Brasilien. Nachdem Hasan Sas, Ümit Davala, Yildiray Bastürk & Co in Südkorea und Japan eine weitere Seite türkischer Fußballgeschichte geschrieben haben, fiebert eine ganze Nation nach Anerkennung und Erfolg.

"Aus dem Weg, wir stürmen ins Finale", schrieb die Zeitung "Hürriyet" am Samstag. "Noch sind wir nicht satt", gab "Milliyet" die Stimmung "von 70 Mill. Türken" wieder. "Bisher hat man uns vielleicht Beifall gezollt. Aber unser Hunger nach Erfolgen ist noch nicht gestillt. Jetzt kann den (türkischen) Halbmond keiner mehr aufhalten."

Andere schauen fast ungläubig auf die Erfolgskurve der Nationalelf zurück. Noch vor 20 Jahren erntete die türkische Mannschaft in den Ausscheidungsspielen zur WM 1982 in acht Begegnungen acht Niederlagen, schoss ein einziges Tor, erinnerte sich die Zeitung "Cumhuriyet". Und niemand habe sich darüber aufgeregt. Es sei gerade so gewesen, als ob die ganze Türkei Niederlagen als das Normalste von der Welt angesehen habe.

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