Auch internationaler Seeverkehr bekommt größere Haftungsrisiken deutlich zu spüren
Versicherer erhöhen Preise drastisch

Um ein neues Chaos im Luftverkehr zu vermeiden, springen die EU-Staaten vorübergehend für den Versicherungsschutz von Flugzeugen ein. Die neuen Preise der Versicherer werden aber auch in anderen Branchen zur Belastung: Im Seeverkehr verteuert sich der Schutz vor Kriegs- und Terrorschäden um das Zehnfache.

HB HAMBURG/DÜSSELDORF. Der nächste Dauerstau auf den Flughäfen ist vorerst abgewendet, doch im Detail stecken noch große Schwierigkeiten. Zumindest einen Monat lang wollen die jeweiligen Regierungen der EU-Länder mit Staatsgarantien aushelfen, damit Flugzeuge auch weiterhin gegen Krieg und Terror versichert sind.

Wie jedes Auto darf auch ein Flugzeug nur mit vollständigem Versicherungsnachweis betrieben werden. Für den Einschluss von Krieg und Terror haben Airlines in den vergangenen Jahren nichts bezahlt; er war kostenlos mitversichert. Doch nun wollen Versicherer die Deckung wegen der aktuell hohen Bedrohungslage gar nicht mehr anbieten. Mit zuletzt 1,3 Mrd. $ Beitragsaufkommen weltweit ist der Luftfahrt-Versicherungsmarkt eher klein. Allein die Haftpflichtdeckung der vier Unglücksmaschinen schlägt jedoch in einer Größenordnung von 6 bis 9 Mrd. $ zu Buche - ein Desaster für die Versicherer. Die Unterdeckung in Milliardenhöhe hat sie veranlasst, die Policen zu kündigen. Diese Reaktion ist nicht neu. Schon im Golfkrieg hatten sich die Versicherer auf ihr siebentägiges Kündigungsrecht berufen. Doch anders als heute haben sie damals zumindest Anschlussangebote zu höheren Preisen vorgelegt.

Bundesfinanzminister Hans Eichel sparte nicht mit Kritik: Die EU-Minister seien "nicht erfreut" darüber, dass sich Versicherungen zurückgezogen und eine Lösung den Staaten überlassen hätten. Eichel ließ zudem durchblicken, die Staatsgarantien könnten nicht zum Nulltarif erfolgen, sondern nur zu "marktüblichen Gebühren". Dass British Airways die Garantie womöglich kostenlos von der britischen Regierung erhält, will der deutsche Konkurrent Lufthansa nicht hinnehmen. Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner wehrt sich gegen die drohende Diskriminierung: "Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen."

Auch im Preispoker haben die Airlines bisher nur einen kurzen Aufschub herausgeholt: Bis einschließlich Donnerstag haben die Versicherer ihre alten Deckungszusagen verlängert. Wie es weiter geht, darüber erzielten die Fluggesellschaften am Wochenende ein erstes Verhandlungsergebnis. Lufthansa-Mann Oelßner weiß von einem Angebot der Versicherer über die bisher gebotenen 50 Mill. $ Deckungslimit hinaus. Knapp zwei Drittel einer Anschlussdeckung bis zu einer Höhe von 150 Mill. $ stünden fest. Die nächste Tranche bis 500 Mill. $ scheint zu knapp einem Drittel gesichert, doch an die letzte Aufstockung bis 1 Mrd. $ wage sich zurzeit kein Versicherer heran.

Um etwa nach Hongkong fliegen zu können, benötigen Airlines aber 1 Mrd. $ an Deckung. Die verschiedenen Ländervorschriften sind dabei nur ein Problem. Ein anderes sind die Leasinganforderungen: Geleaste Maschinen dürfen erst bei einer Haftpflichtdeckung in Höhe von 750 Mill. $ abheben. Für kleinere Gesellschaften, die zumeist mit geleasten Maschinen fliegen, ist das ein Riesenproblem.

Von den neuen Preisen der Assekuranz zeigt sich auch der internationale Seeverkehr schockiert. "Wir wissen alle, es kommen enorme Summen auf uns zu", schwant dem Versicherungsexperten einer großen Hamburger Reederei. Auch den Reedern haben die Versicherer die bisherigen Vereinbarungen aufgekündigt. An diesem Mittwoch treten neue Bestimmungen in Kraft: Zum einen wurden die Sätze der Basiskriegsversicherung von 0,005 % des versicherten Schiffswerts um das Zehnfache auf 0,05 % erhöht; weitere Aufstockungen können folgen. Weit gravierender ist jedoch, dass die Versicherer die Ausschlussgebiete drastisch erweitert haben. Danach sind in Anbetracht des US-Aufmarschs neben Israel und Libanon nun auch viele andere Gebiete von der Kriegsversicherung nicht mehr gedeckt - etwa das Rote Meer, der Persische und Arabische Golf, der Golf von Akaba, Jemen, Oman, Syrien, Algerien, Ägypten, Pakistan und große Teile des Indischen Ozeans.

In den Ausschlussgebieten müssen Schiffe über die Basisversicherung hinaus eine Zulage leisten. Sie gilt nur für sieben Tage und kann sich, je nach Gefährdungspotenzial des Hafens, auf bis zu 1,5 % des Schiffswerts belaufen. Zudem ist sie für die Reeder schwer kalkulierbar, da sie frühestens 48 Stunden vor Einlaufen in einen Hafen nach der aktuellen Gefährdung dieses Hafens berechnet wird. So wurde die Zulage für die Passage des Suezkanals am Freitag von 0,025 % um das Vierfache auf 0,1 % angehoben, für das Rote Meer wurde sie gar auf 0,2 % festgesetzt. Ein Schiff im versicherten Wert von 50 Mill. DM müsste damit allein für die Passage der Region 150 000 DM bezahlen. Kehrt das Schiff nach sieben Tagen zurück, ist die gleiche Summe fällig.

Die Reeder wollen diese Zuschläge entweder direkt an die Verlader oder, falls das Schiff gechartert ist, an den Charterer weitergeben. Auch der Charterer schlägt den Kunden die Zusatzprämie auf. Besonders krass wird sich die neue Risikoeinschätzung bei Kreuzfahrtschiffen niederschlagen. "Ich wage noch nicht an die Summen zu denken", sorgt sich ein Branchenexperte.

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