Auch Kleinaktionäre können mit von der Partie sein
Übernahmewellen schwemmen Gewinne ins Depot

Angesichts der niedrigen Bewertung vieler börsennotierter Gesellschaften steht vor allem dem deutschen Markt eine Übernahmewelle bevor, glauben Experten. Bewegliche Anleger können daran verdienen.

Fehlende Geduld kann man Guido Barilla wahrlich nicht vorwerfen. Monatelang schaute der jugendlich wirkende Italiener tatenlos und berechnend dem Absturz der Kamps-Aktie zu. Zwar wurde an der Börse immer wieder der Name des traditionsreichen italienischen Teigwarenherstellers herumgereicht. Doch Barilla selbst hielt sich bedeckt. Dann aber legte er die Karten auf den Tisch und bot den Aktionären des Großbäckers vor ein paar Wochen 12,50 Euro für ihre Anteile, bevor es ein anderer tat - immer noch zu viel, meinen Analysten, denn gegenüber dem letzten Börsenkurs vor Bekanntwerden der Offerte legte Barilla immerhin einem Aufschlag von knapp 20 Prozent auf den Tisch.

Das werden die betroffenen Anleger anders sehen. In dem derzeit trüben Börsenumfeld sind solche kurzfristigen Kursgewinne Balsam auf ihre Wunden. "Wir werden noch mehr solcher Deals sehen", macht Michael Trauth, Fondsmanager bei der Baden-Württembergischen Kapitalanlagegesellschaft (BWK) Hoffnung. Schließlich liegen die Notierungen vieler börsennotierter Unternehmen am Boden. Wo vor zwei oder drei Jahren noch das 30- oder 40fache des Jahresgewinns oder das Vier- bis Fünffache des Umsatzes ohne mit der Wimper zu zucken gezahlt wurde, müssen sich Verkäufer heute mit der Hälfte zufrieden geben, manchmal auch mit noch weniger - und das in vielen Fällen auf Basis viel schlechterer Zahlen.

Doch des einen Leid ist des anderen Freud. "Viele Unternehmen sind zu Preisen zu haben, die attraktiv sind", weiß Markus Steinbeis von Activest. Für potenzielle Aufkäufer ist deshalb die Zeit gekommen, sich aus der Deckung zu wagen. So bot im Herbst vergangenen Jahres die INA Holding für die Aktien des Kugellagerherstellers FAG Kugelfischer erst elf und am Ende dann sogar zwölf Euro. Gegenüber der bis dahin dümpelnden Notierung ein satter Aufschlag von 60 Prozent. Und das Bankhaus Metzler hat - für viele Branchenbeobachter überraschend schnell - in dieser Woche den Verkauf von Consors über die Bühne gebracht, nachdem das Mutterhaus Schmidt Bank in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Der Aufkäufer, BNP Paribas, bietet nun den außen stehenden Anteilseignern des am Neuen Markt gelisteten Discountbrokers 12,40 Euro für ihre Anteile an. Auch hier ein respektables Plus von rund 20 Prozent auf den am vergangenen Montagmorgen an der Börse gezahlten Preis.

Experten erwarten neue Übernahmewelle

Nach der Schwächephase auf dem Markt für Fusionen und Übernahmen, im Fachjargon Mergers and Acquisitions (M & A) genannt, schätzen viele Experten die Chancen hoch ein, dass eine neue Übernahmewelle bevorsteht. "Nach der Durststrecke zeigt sich ein Silberstreif am Horizont", beobachtet Thomas Ehren, Leiter Corporate Finance beim Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG. "Generell besteht eine hohe Korrelation zwischen der Stimmung an den Börsen und den M & A-Aktivitäten. Wenn die Börse wieder anzieht, nimmt auch die Übernahmetätigkeit wieder zu." Der Hintergrund: In Zeiten einer Konjunkturerholung steigt bei den Vorständen die Bereitschaft, die eigenen Geschäftsfelder zu durchleuchten und durch Akquisitionen das Geschäft neu auszurichten. Dagegen greifen nur Unternehmen mit klar fokussierter Strategie auch in unsicheren Zeiten zu und profitieren so von den günstigen Preisen. Dazu kommt, dass am Ende einer Rezessionsphase besonders viele Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Oft kann dann die drohende Insolvenz nur durch die Hereinnahme eines finanzstarken Partners abgewendet werden.

Experten raten Anlegern, die es auf Übernahmen abgesehen haben, ihr besonderes Augenmerk auf Euroland und speziell den deutschen Kurszettel zu legen. "Die zum Jahresanfang in Kraft getretene Stufe der Steuerreform, nach der ein Verkauf von Beteiligungen steuerfrei möglich ist, erhöht den Anreiz für Unternehmen, sich von Beteiligungen zu trennen", weiß Trauth.

Erste Adresse sind dabei die deutschen Großbanken. Erst Mitte dieser Woche hat etwa Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann erklärt, dass das Beteiligungsportfolio "so bald wie möglich" radikal reduziert wird. Meint er es ernst, werden wohl die im eigenen Safe liegenden Aktienpakete an Linde, Südzucker, WMF ebenso auf den Prüfstand kommen wie das Investment bei Phoenix oder Deutz.

Dass dabei Milliarden von Euro legal am Fiskus vorbeigeschleust werden, weckt Befürchtungen, die kommende Bundesregierung - egal, welcher Couleur - könne die Regelung rückgängig machen. "Das könnte die Verkäufer in Zugzwang bringen und Übernahmen noch einmal beschleunigen", glaubt Thomas Meier, Fondsmanager bei Union-Investment.

Anders als in der Vergangenheit sind dabei vielfach auch die Kleinaktionäre mit von der Partie. Denn nach dem seit Jahresanfang geltenden Übernahmegesetz muss ein Aufkäufer allen außen stehenden Anteilseignern ein Übernahmeangebot machen, wenn sein Anteilsbesitz 30 Prozent am Grundkapital des Zielunternehmens überschreitet. Das mag im einen oder anderen Fall potenzielle Interessenten abschrecken. Allerdings gibt ihnen die Neuregelung auch die Möglichkeit, den Streubesitz herauszukaufen. "Man kann die Auswirkungen des Gesetzes nicht generalisieren", so BWK-Mann Trauth. "Es kommt auf die sorgfältige Einzelanalyse an."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%