Auch kleinere Kanzleien haben gute Chancen, ein Mandat für eine lukrative Sammelklage zu erhalten
Aktionärsklagen – neue Goldgrube für US-Anwälte

In Sammelklagen erhalten die Kanzleien bis zu einem Drittel der Summe, die den Klägern zugesprochen wird.

NEW YORK. Es ist drei Uhr nachmittags, und die Telefone stehen still. In den Kanzleien für Fusionen und Übernahmen (M&A) in Manhattan ist die Wirtschaftsflaute deutlich zu spüren. Die Mittagspausen sind länger, vorbei die Zeiten der Nachtarbeit. Anwälte in den M&A-Abteilungen vertreiben sich die Zeit mit Surfen im Internet - und bangen um ihre Jobs.

Ganz anders sieht es in den Büros von Milberg Weiss Bershad Hynes & Lerarch aus. Die Kanzlei ist auf Sammelklagen gegen Unternehmen spezialisiert - für sie haben sich mit den Bilanz-Skandalen von Enron & Co. ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Geschädigte Aktionäre klagen gegen Manager, Aufsichtsratsmitglieder, Banken und Analysten. "Mit den jüngsten Skandalen wie bei Enron und Worldcom hat die Zahl der Aktionärsklagen deutlich zugenommen", sagt Joseph Grundfest, Jura-Professor an der Universität Stanford. "Wir haben deutlich mehr Klagen gegen die großen Fortune-100-Unternehmen", sagt Sam Rudman, Anwalt bei Milberg Weiss. Auch seine Kanzlei klagt gegen Enron und Worldcom - und andere.

Nach einer Statistik der Universität Stanford sind seit Anfang des Jahres schon mehr als 200 Sammelklagen im Namen von Aktionären eingereicht worden. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 176 - hinzu kamen 312 Klagen gegen Finanzhäuser wegen ungerechter oder nicht veröffentlichter Methoden bei der Zuteilung Aktien bei Neu-Emissionen.

Da viele Unternehmen kurz vor der Pleite stehen und bei ihnen nicht mehr viel zu holen ist, fassen die Kanzleien ihre Klagen so weit wie möglich. Die Anwälte des New Yorker Pensionsfonds im Fall Worldcom etwa klagen nicht nur gegen den Telekom-Konzern und dessen Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen LLP, sondern auch gegen die Citigroup Inc. und den Analysten ihrer Investmenttochter Salomon Smith Barney, Jack Grubman. Der hatte den Kurs der Aktie mit seinen positiven Berichten in immer neue Höhen getrieben.

Für die Anwälte ist das ein lukratives Geschäft: Sie können bis zu einem Drittel der Summe verlangen, die den Klägern zugesprochen wird. So bekamen etwa die Vertreter der Kläger gegen Rite Aid 50 Mill. $ von insgesamt 193 Mill. $. Aktionäre der Drogeriekette hatten 1999 geklagt, nachdem das Unternehmen seine Gewinne um 1,6 Mrd. $ nach unten korrigiert hatte. Im Bilanzfälschungsfall gegen die Entsorgungsfirma Sunbeam Corp. einigten sich die beiden Seiten dieses Jahr auf die Zahlung von 141 Mill. $ - 36 Mill. $ gingen an die Anwälte.

Auf das lukrative Geschäft stürzen sich nicht nur seit langem auf Sammelklagen spezialisierte Kanzleien wie Milberg Weiss. Auch kleinere, weniger bekannte Firmen wie etwa die junge Kanzlei Cauley Geller Bowman & Coates aus Little Rock in Arkansas und Brodsky & Smith aus Bala Cynwud/ Pennsylvania wagen sich auf das Feld.

Vorteil der Kleinen: Sie sind meist deutlich billiger. Und das könnte eine Rolle spielen, wenn mächtige Pensionsfonds unter den geschädigten Aktionären sind. Die könnten nämlich schon bald - wie bei anderen Fällen üblich - das Mandat ausschreiben, erwartet Robert Finkel, Partner in der New Yorker Kanzlei Wolf Popper. Und weil die Fonds mit dem von ihnen verwalteten Kapitalmengen oft Großaktionäre sind und damit großen Schaden erlitten haben, haben sie gute Chancen, Hauptkläger in einer Sammelklage zu werden - das heißt, ihre Anwälte führen den Prozess stellvertretend für die Gruppe und bekommen den größten Teil der Gebühren.

Der Konkurrenzkampf um die lukrativen Mandate unzufriedener Aktionäre dürfte also härter werden. Nicht mit in diesem Rennen sind Kanzleien, die bisher auf der Seite der Unternehmen standen - denn die würden es sich mit ihren mächtigen Mandanten verscherzen.

Doch auch sie profitieren: Statt die Unternehmen bei der nächsten Übernahme zu beraten, stehen sie ihnen nun mit rechtlichem Rat bei, wenn es darum geht, sich vor wütenden Aktionären zu schützen. Jurist Grundfest: "Für jede Aktionärsklage gibt es mindestens einen Verteidiger auf Seiten der Unternehmen."

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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