Auch kritische Stimmen
Mr. Linde nimmt zum zweiten Mal Abschied

Klar: Star der heutigen Veranstaltung im Internationalen Congress Center München ist Wolfgang Reitzle. Der ehemalige Automanager tritt erstmals als Vorstandschef auf einer Hauptversammlung der Linde AG auf. Aber es ist auch der Tag von Hans Meinhardt. Der Aufsichtsratsvorsitzende leitet zum letzten Mal das Aktionärstreffen, das ohne große Überraschungen über die Bühne gehen dürfte. Danach ist Schluss für den 72-Jährigen beim Wiesbadener Mischkonzern.

Sein Abgang bedeutet für Linde einen Einschnitt. Meinhardt hat den Traditionskonzern wie kein anderer vor ihm über viele Jahre geprägt. Es ist schon der zweite Abschied von Mr. Linde. Der erste fand vor sechs Jahren statt und war ein recht halbherziger. Am 13. Mai 1997 wechselte er vom Vorstandsvorsitz an die Spitze des Aufsichtsrats.

Trotz des Wechsels blieb damals vieles beim Alten. Meinhardt mischte sich weiter in das Tagesgeschäft ein. "Der geschäftsführende Aufsichtsrat ist für alle Vorstände schwierig", beschrieb einmal ein Manager die Situation.

Meinhardt gehört zu jenen Top-Führungskräften, die nicht loslassen können. Bis zuletzt zog er im Hintergrund die Fäden; etwa, als er den von ihm geholten Ex-VDO-Chef Peter Grafoner vor rund zwei Jahren überraschend wieder aus der Führung drängte. Grafoner sollte den damaligen Linde-Chef Gerhard Full ablösen, war aber bei Meinhardt mit seiner wirbeligen Art in Ungnade gefallen. Nur Fulls Bereitschaft, eineinhalb Jahre daranzuhängen, verhinderte eine Führungskrise.

Doch bei aller Kritik: Unter dem Strich war Meinhardt für Linde ein Glücksfall. Er war es, der Linde internationalisierte und die elf Arbeitsgebiete auf vier reduzierte. Die Sparten Traktoren, Dieselmotoren oder das deutsche Kühlhaus-Engagement verkaufte er, den Bereich Flurförderfahrzeuge baute er aus. Erst in letzter Zeit gibt es Probleme im Bereich Gabelstapler und in der Kühltechnik.

Wer den begnadeten Verkäufer und leidenschaftlichen Golfspieler Meinhardt verstehen will, muss seinen Lebenslauf studieren. 48 Jahre, sein gesamtes Berufsleben, verbrachte der studierte Wirtschaftswissenschaftler bei dem Wiesbadener Konzern. Am 14. Mai 1931 in Margretenhaun bei Fulda geboren, beginnt er als 23-Jähriger in der Zentralverwaltung von Linde und steigt schnell auf. Erst nimmt er als Geschäftsführer der Werkgruppe Güldener an Vorstandssitzungen teil, 1971 wird er ordentliches Vorstandsmitglied. Fünf Jahre später folgt die Krönung des auch "Sonnenkönig" genannten Managers: Er wird Sprecher des Vorstands und bleibt es bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1997.

Ungeachtet seiner Verdienste - in den letzten Jahren wuchsen inner- und außerhalb von Linde die Sorgen, der dominante Chefkontrolleur könnte die erforderliche Modernisierung behindern. Groß war deshalb die Überraschung, als dieser mit Wolfgang Reitzle einen angelsächsisch geprägten Manager an die Spitze des Traditionskonzerns hievte. Noch größer war das Staunen, als Meinhardt seinen eigenen, endgültigen Rückzug ankündigte. Ein letztes Mal hatte Mr. Linde die Weichen für den Konzern gestellt.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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