Auch "Mitleidseffekt" möglich
Erkrankung Möllemanns bringt Westerwelle Probleme

Der begeisterte Fallschirmspringer Jürgen Möllemann ist im Bundestagswahlkampf 75 Mal vom Himmel gesprungen, um für die Liberalen am 22. September "ein gutes Ergebnis" zu erzielen.

HB/dpa BERLIN. Mit insgesamt 202 Wahlveranstaltungen und den Fallschirmabsprüngen "bin ich für dieses Ziel bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten und meiner Kraft gegangen", schrieb der nordrhein-westfälische FDP - Vorsitzende kürzlich den Funktionsträgern seines Landesverbandes. Im Kampf um seine politische Zukunft hat er seine Kraft dann wohl endgültig überschätzt: in der Nacht zum Sonntag musste er mit einer Herzerkrankung in die Klinik.

Wohl niemand in der FDP glaubt, dass diese Erkrankung unmittelbar vor dem Sonderparteitag, auf dem FDP-Chef Guido Westerwelle den FDP - Landesvorsitzenden ablösen lassen wollte, politische Taktik ist. Dafür wird die Sache zu ernst angesehen, zumal Möllemann schon früher Herzprobleme hatte. Nach Meinung von Beobachtern wirft aber die Erkrankung Möllemanns für Westerwelle größere politische und innerparteiliche Probleme auf als für den Erkrankten selbst.

Für Westerwelle schien schon alles gelaufen. Er war sehr zuversichtlich, an diesem Montagabend die notwendigen "Bataillone" auf dem NRW-Sonderparteitag gesammelt zu haben, um Möllemann durch dessen Stellvertreter Andreas Pinkwart zu ersetzen. Denn Westerwelle ist tief verärgert und sieht keine Vertrauensbasis mit Möllemann mehr, weil dieser ohne Absprache kurz vor der Wahl erneut heftige Attacken gegen die israelische Regierung und den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, ritt. Er macht deshalb Möllemann auch zum Hauptsündenbock für das schwache Wahlergebnis der FDP - andere Liberale sehen das indessen nicht so "monokausal".

Statt des von Westerwelle erhofften Sieges über Möllemann ist das Machtspiel nun bis auf weiteres völlig offen. Der Sonderparteitag wurde erst einmal abgesagt. Viele Fragen sind nun unbeantwortet, zunächst vor allem, wann Möllemann gesundheitlich wieder vollständig hergestellt ist. Wann kann dann der Parteitag nachgeholt werden? Die Spekulationen reichen von Ende Oktober über November bis möglicherweise sogar erst Anfang nächsten Jahres. Wird Westerwelle seine Unterstützer so lange bei der Stange halten können? Die in der Partei erhobenen Forderungen, die beiden sollten sich friedlich verständigen, könnten sich in den nächsten Wochen verstärken.

Hinzu könnte auch ein "Mitleidseffekt" bei den Parteifreunden kommen, die trotz aller Kritik an dessen umstrittener Wahlkampfaktion Möllemanns Polittalent und seinen großen Einsatz anerkennen: in NRW erzielte die Partei ihr bestes Ergebnis. Bei solchen möglichen Entwicklungen könnte der nachzuholende Parteitag für Westerwelle auch ein Bumerang werden, geben selbst Anhänger von ihm zu. Ob er bei einer peinlichen Niederlage gegen Möllemann Parteivorsitzender bleiben wird, lässt Westerwelle weiterhin offen. Seine Umgebung hält dies durchaus für denkbar, weil er ja nach wie vor die volle Unterstützung der Bundes-FDP habe.

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