Auch nach dem juristischer Teilerfolg von Philip Morris gibt es nach wie vor hohe Prozessrisiken
Tabakanleihen bleiben ein gewagtes Investment

Im Markt für Tabakbonds gibt es eine Zweiteilung. Während Experten abraten, Anleihen von Philip Morris und British American Tobacco (BAT) zu kaufen, sehen sie die nicht in den USA engagierten Konzerne Imperial Tobacco und Gallaher positiver.

FRANKFURT/M. Der Grund: In den USA drohen Gefahren durch Milliardenprozesse - auch nach der Senkung der Kaution, die Philip Morris (Marlboro) in dem nach der Klägerin Susan Miles benannten "Miles"-Fall leisten muss. "Es bleiben schwerwiegende Risiken bestehen", sagt Felix Fischer von der HVB. Analysten der DZ Bank fürchten existenzbedrohende und kursrelevante Entscheidungen; etwa das Berufungsurteil in einem Sammelklageprozess kalifornischer Raucher, das im Mai ansteht. Die erste Instanz hatte auf Zahlung von 148 Mrd. $ entschieden.

Wirbel um Raucherklagen gibt es seit Jahren. 1998 verpflichtete sich die US-Tabakindustrie - in der Hoffnung auf Rechtsfrieden -, 25 Jahre lang jährlich rund 9 Mrd. $ an 46 Bundesstaaten zu zahlen. Dies soll die durch kranke Raucher erhöhten Gesundheitskosten ausgleichen. Philip Morris zahlt rund 2,5 Mrd. $ jährlich.

Im März hat der "Miles"-Fall erneut Unruhe in die Tabakbranche und an die Aktien- und Anleihemärkte gebracht. Ein Gericht im US-Bundesstaat Illinois verurteilte Philip Morris 10,1 Mrd. $. Philip Morris habe zu der falschen Annahme verleitet, "Lights" seien weniger schädlich als normale Zigaretten. Die Konzernmutter Altria kündigte Berufung an. Richter Nicholas Byron setzte die dafür zu hinterlegende Kaution auf 12 Mrd. $ fest. Da dieser Betrag selbst die Möglichkeiten des Megakonzerns Altria zu sprengen drohte, kündigte das Unternehmen an, womöglich insolvent zu werden.

Prompt reagierten die Ratingagenturen: Standard & Poor?s (S&P) zog als letzte der drei großen Agenturen die Konsequenzen - und stufte Altrias Kreditwürdigkeit vorige Woche um gleich zwei Stufen von A auf BBB+ herab. Dabei sank der gestern veröffentlichte Quartalsgewinn von Altria nur von 2,37 auf 2,19 Mrd. $. Die Gefahr eines Abstiegs in den Junkbond-Bereich ist nach Einschätzung von Rentenanalyst Christian Strätz von der Bayerischen Landesbank aber vorerst gebannt.

Auch BAT (Lucky Strike) - in den USA vertreten durch die Tochter Brown & Williamson, gegen die etliche Raucherklagen anhängig sind - bekam die Skepsis zu spüren: S&P folgte gestern Moody?s und setzte das Rating auf die Überwachungsliste für eine Herabstufung. Fitch reduzierte am Dienstag den Ausblick von stabil auf negativ.

Entsprechend entwickelten sich die Spreads - Renditeaufschläge im Vergleich zu Staatsanleihen - von Tabakanleihen seit März. Die Kurse von Philip Morris- und BAT-Anleihen brachen in der Spitze um knapp 20 und 8 % ein, die Spreads erhöhten sich.

Am Montag lenkte Richter Byron dann ein. Er habe "kein Interesse an der Insolvenz des Unternehmens" und reduzierte die Kaution auf 6,8 Mrd. $ - 800 Mill. $ davon bar in vier Raten, der Rest in Wertpapieren. Philip-Morris-Anleihen reagierten auf den Gerichtsbeschluss mit Kurssprüngen. Die Rendite der 2008 fälligen Anleihe sank an einem Tag von über 8 % auf unter 7 % - die Dividendenrendite der Altria-Aktie beträgt aktuell 7,9 %.

Für die Zukunft gibt es dennoch keine Entwarnung bei den Prozessrisiken. So bezifferte das US-Justizministerium kürzlich in einem Verfahren wegen unrechtmäßiger Werbung seit 1954 seine Forderung gegen fünf US-Tabakkonzerne mit 289 Mrd. $. Damit ist die Hoffnung der Tabakunternehmen auf eine Beilegung des noch unter Clinton eingeleiteten Verfahrens durch die Bush-Regierung zerschlagen.

Doch nicht alle Tabakkonzerne leiden unter den US-Prozessen. Im Markt gebe es eine "Zweiteilung", sagt Strätz. Bonds von Imperial Tobacco (West) und Gallaher (Benson & Hedges) reagierten kaum auf die US-Prozesse. "Die Unternehmen sind nicht in den USA aktiv und daher nicht von US-Klagen bedroht." Dementsprechend variieren die Empfehlungen für Anleger: "Risikoaverse Investoren sollten Spreaderholungen nutzen, um sich aus Bonds von Philip Morris und BAT zu verabschieden", rät Strätz. Er empfiehlt, den Tabakbereich "unterzugewichten" - auch Anleihen von Gallaher und Imperial Tobacco seien "etwas zu teuer". Die Experten der DZ Bank raten, Spreaderholungen bei BAT zum Ausstieg zu nutzen. Fischer von der HVB ist zuversichtlicher: "Wen Volatilität nicht stört, kann Philip-Morris-Anleihen halten." Von BAT-Bonds rät er ab. Im März beginnt gegen BAT in Illinois ein ähnlicher "Light"-Prozess wie der gegen Philip Morris. Dies sei noch nicht eingepreist. Bonds von Imperial Tobacco und Gallaher hält er für "attraktive Investments mit relativ geringem Risiko".

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