Auch ohne UMTS:
2002 wird der Mobilfunk multimedial

Video auf dem Handy - im Rausch des Millenniumjahres 2000 war das eine der beliebtesten UMTS-Visionen. Doch so wie in der Mobilfunkbranche mittlerweile die Zweifel wachsen, ob sich die Lizenzmilliarden für die Netze der dritten Generation jemals auszahlen, so haben auch die schönen Videofantasien ihren Reiz längst verloren.

Was immer die Menschen nach 2003 mit den ersten UMTS-Endgeräten anstellen werden, der Download und Konsum von Kinofilmen auf dem Handy wird wohl nicht dazu gehören. Wenn die neuen Technologien starten, werden die Bandbreiten für Jahre nur unwesentlich mehr leisten als die aktuellen Netze der zweiten Generation. Ein Grund zur Verzweiflung ist das kaum, weder für die Verbraucher, noch für Netzbetreiber und Endgerätehersteller. Denn längst zeichnen sich attraktive Dienste und Inhalte ab, für die Nutzer auch zu zahlen bereit sind. Nur 100 Minuten lange Hollywood-Blockbuster spielen vorerst keine Rolle.

2001 brachte die mobile Welt vor allem durch die breite Einführung des GPRS-Standards einen wesentlichen Schritt voran. Gemerkt haben die Nutzer von den neuen Möglichkeiten des Datenturbos allerdings wenig. Noch fehlen die Services, die das ganze Potenzial der neuen Technik ausschöpfen. 2002 aber dürfte den Durchbruch für das multimediale Handy bringen. Zur Cebit erwartet die Branche eine Fülle spektakulärer Neuheiten. Sie stehen für mehr Visualität und Interaktivität und damit für ein deutliches Plus an Spaß und Nutzwert.

Mit i-mode und MMS werden die Karten neu gemischt

Mit einiger Spannung schaut die Industrie auf den für das erste Quartal geplanten Start von i-Mode. E-plus übernimmt mit dem multimedialen Erfolgs-Standard aus Japan auch ein für Nutzer wie Servicepartner attraktives Geschäftsmodell. Mehr Farbigkeit und Interaktivität verspricht auch der zukünftige SMS-Nachfolger MMS (Multimedia Messaging Service). Die Netzbetreiber kündigen den Stapellauf für den Sommer 2002 an. MMS-fähige Endgeräte wie das Ericsson T 68 oder das Nokia 7650 sollen frühzeitig zur Verfügung stehen.

Eine Anfang Dezember veröffentlichte Studie des Münchner Beratungsunternehmens PbS gibt den Inhalteanbietern wichtige Hinweise, welche Angebote der Mobilfunkkunde in Zukunft von ihnen erwartet. Entscheidendes Stichwort ist die Relevanz. Inhalte sollen in der konkreten Einsatz-Situation des mobilen Endgeräts - also unterwegs - echten und sofort spürbaren Nutzwert garantieren. Ganz oben in den PbS-Umfragen rangieren deshalb Navigation, Wegbeschreibungen, Abfahrts- und Ankunftszeiten, Staumeldungen oder Wetterinfos. Nachrichten gelten als Pflichtangebot mit eher geringer Zahlungsbereitschaft. Umgekehrt steht es mit der Musik. Zwar will nicht jeder das musikalische Handy, aber die überzeugten Fans sind zahlungswillig. Filme und Geldanlage stehen derzeit weder bei Jugendlichen noch bei mobilen Profis hoch im Kurs.

Kontext: Wie wird das Segelwetter?

Neben der Relevanz von Inhalten ist ihr Kontext ein zunehmend wichtiges Erfolgskriterium. Die nackte Staumeldung ist für den, der pünktlich sein will, sicher wertvoll. Doch um den maximalen Nutzwert dieser Information zu haben, sind visualisierte Umleitungsempfehlungen wichtig. Die Nachricht zur genauen Stau-Ursache hilft wiederum einzuschätzen, ob man besser den Stau erträgt oder sich auf die Nebenstrecke einlässt. Geht es um Wetterinformationen, würde beispielsweise der Kontext zu bestimmten Freizeitaktivitäten wie Segeln oder Skifahren den Wert der Inhalte steigern. Webcams könnten beispielsweise dem Mobilnutzer einen Blick auf die Schlange am Sessellift oder auf die aktuelle Schneelage erlauben. Ziel ist es, dem zahlenden Kunden durch kontextspezifische Information Entscheidungen zu erleichtern und auch ein Stück konkreter Lebenshilfe zu geben.

Um solche Dienste dem Kunden in praktikablen Geschäftsmodellen anbieten und abrechnen zu können, sind Multikanal-Plattformen erforderlich. Ein Internet-Portal dient dem Nutzer als Cockpit, über das er sein mobiles Profil steuert. Dort erfährt er, welche Dienste er auf seinem speziellen Endgerät zu welchen Preisen beziehen kann. Ist er Abonnent, kann er alle für unterwegs gebuchten Services dort auch über den PC live einsehen oder sogar Zusatzservices nutzen. Beispiel Wetter: Auf dem Handy bezieht der Nutzer die Infos für einen Ballungsraum, auf dem Portal kann er die Daten für das gesamte Bundesgebiet einsehen. Hier sind eine Fülle von Wahlmöglichkeiten und Preismodellen denkbar. Letztlich hat es der Nutzer in der Hand, ob er für eine zeitverzögerte, knappe Wetterinformation nur Bruchteile eines Euro-Cent zu zahlen bereit ist oder ob er gegen mehrere Euro im Monat ein professionelles Wetter-Abo bezieht, das ihn mit einer multimedialen Meteo-Datenfülle versorgt, die sonst nur Flug- und Schiffskapitäne zur Verfügung haben.

Ohne Copyrights keine Content-Erlöse

Für die Anbieter und Produzenten von Inhalten entstehen mit dem Multichannel-Konzept erhebliche technische und konzeptionelle Anforderungen. Dienstleister müssen ihre Themen möglichst multimedial in Text, Bild, Grafik, Audio und Video aufbereiten. Nur so kann der Netzbetreiber seinen Kunden sinnvolle Wahlmöglichkeiten auf der Produkt- wie auf der Preisseite ermöglichen.Technisch müssen Inhalte in hochstrukturierten Formaten bereitstehen. Nur so können sie maschinell verarbeitet und direkt auf den Endgeräten publiziert werden. Zugleich müssen die verschiedenen Inhalte zum Thema miteinander verlinkbar sein. Der eine Mobilkunde wünscht sich einen SMS/Audio-Service mit Promi-Nachrichten, der andere einen Börsenmix aus WAP-Nachrichten plus Kurscharts.

Spätestens mit der Forderung nach mehr multimedialen Inhalten für die mobile Welt werden auch die Urheberrechte zu einem Schlüsselfaktor. Solange beispielsweise WAP eine technische Spielwiese ohne nennenswerte Umsätze war, haben etwa die Produzenten von Nachrichten-Inhalten auch die ungeregelte Weiterverwendung ihrer Inhalte hingenommen. Nun wird das mobile Web erwachsen. Der Durchbruch zum eigenständigen Medium mit vielfältigen Möglichkeiten steht bevor. Damit ist es an der Zeit, auch die ökonomischen Spielregeln festzulegen. Dass Netzbetreiber ihre Contentpartner angemessen an den Erlösen beteiligen müssen, ist dabei ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass nur der an Inhalten verdienen kann, der diese besitzt oder für die mobile Nutzung erworben hat.



Schreiben Sie dem Autor: Meinolf.Ellers@dpa-info.com

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