Auch Profis tappen in die Psycho-Falle
Ängstliche Anleger bremsen die Börse

Der lustlose Seitwärtstrend an den Aktienmärkten hat psychologische Ursachen: Einerseits wollen die Investoren ihre Verlierer-Aktien nicht zu Ausverkaufspreisen abstoßen. Andererseits traut sich derzeit kaum jemand, wieder in den Markt einzusteigen. Das Festhalten an den eigenen Kaufentscheidungen wurde vielen Anlegern zum Verhängnis.

DÜSSELDORF. "Die Angst, den Aufwärtstrend zu verpassen, reibt sich derzeit an der Angst, auf dem Weg nach unten mit dabei zu sein" - so beschreibt der Wiener Psychologe und Unternehmensberater Karl Kriechbaum die zwiespältige Lage an der Börse. Die Unsicherheit der Anleger schlägt sich auch in den Kursen nieder: Seit Monaten kriechen die Aktienindizes mühsam seitwärts.

Aktionäre versuchen, ihre Verluste auszusitzen

Zarte Erholungsansätze enden meist im Nirgendwo. So pendelt der Deutsche Aktienindex (Dax) seit April um die Marke von 6 000 Punkten. Nach bitteren Verlusten scheuen Anleger das Risiko. Sie wollen weder kaufen, noch ihre Aktien auf den Markt werfen. Statt ihr Depot zu bereinigen und einen Neuanfang zu wagen, bleiben sie oft auf ihren Verlierer-Aktien sitzen.

"So lange der Verlust nur auf dem Papier steht und nicht realisiert wird, wiegt das nicht so schwer", erklärt Martin Weber, Professor am Institut für Bankbetriebslehre der Uni Mannheim. Verluste auf dem Papier seien nicht greifbar. "Die Anleger müssen sich ihren Fehlgriff also nicht eingestehen", sagt der Experte für "Behavioral Finance", die psychologisch fundierte Analyse der Finanzmärkte.

Diese Aussitzer-Mentalität - im Fachjargon "Verlustaversion" genannt - kann jedoch fatale Folgen haben: Wer Entscheidungen nicht korrigiert und Verluste immer weiter laufen lässt, riskiert im Extremfall sein Vermögen. Aktionäre, die zum falschen Zeitpunkt bei EM.TV, Amazon oder Intershop zugriffen, haben das am eigenen Leib schmerzhaft erfahren.

Häufig nutzten Anleger leichte Erholungsphasen, um ihre Verlierer-Titel endlich doch abzustoßen, beobachtet Michael Schubert, Aktienstratege bei der Bankgesellschaft Berlin. Der Verkauf fällt bei steigenden Kursen leichter - der Anleger tröstet sich damit, dass er wenigstens nicht am Tiefpunkt aussteigt.

Allerdings hat dieses Verhaltensmuster eine unangenehme Nebenwirkung: "Der Aufwärtstrend wird sofort zunichte gemacht", sagt Schubert. So gesehen überrascht es nicht, dass Erholungsansätze bei Technologie- und Telekom - Aktien stets nach kurzer Zeit abbrachen. Im Januar und April stoppten einsetzende Verkäufe die Aufwärtstendenz ebenso wie zuletzt Ende Juli.

Private Investoren halten Ron Sommer die Treue

Die tiefere Ursache für solche rational kaum erklärbaren Kurseskapaden liegt im emotionalen Verhältnis, das Anleger zu "ihren" Aktien entwickeln. Diese gefühlsmäßige Bindung führe dazu, dass Anleger ihre eigenen Investments kaum nüchtern-sachlich analysieren, sagt Professor Weber. Besonders schwierig sei der Umgang mit Verlusten, die auf Grund persönlicher Fehlentscheidungen entstehen.

Wer etwa an den Erfolg von Ron Sommers T-Aktie glaubte und das womöglich auch vor Freunden laut geäußert hat, der durfte beim ersten Gegenwind nicht einfach kneifen. Daher griffen viele Investoren auch bei der dritten Telekom-Emissiontranche zum stolzen Ausgabepreis von 63,50 Euro für Privatanleger noch zu. Und das, obwohl die Titel im Juni vergangenen Jahres zu einer Zeit herausgegeben wurden, als die Zeichen bei Tech- und Telekom-Titeln schon auf Sturm standen. Die Aktien der beiden Branchen hatten sich damals von ihren Höchstständen schon deutlich entfernt. Die Anleger bezahlten ihr Vertrauen teuer: Gestern fiel die T-Aktie auf ein neues Rekordtief, nur knapp über 22 Euro.

Gegen falsche (Selbst-)Einschätzungen sind auch die institutionellen Anleger nicht immun. "Wir sind nicht aus den Technologie-Aktien ausgestiegen, als es eigentlich an der Zeit gewesen wäre", gibt Michael Otto vom Private Banking der Berenberg Bank zu. Gleiches gilt für das Bankhaus Ellwanger & Geiger und die Flossbach & Storch Vermögensverwaltung. "Wir haben den Netzwerkbereich wie Cisco und Nortel zu positiv eingeschätzt", sagt Flossbach-Fondsmanager Gerald Kichler.

Ihre Depots frühzeitig bereinigen konnten hingegen das Bankhaus Bauer und die Schweizer Banque Syz: "Wie versuchen, uns nicht in einzelne Titel zu verlieben, sondern eine neutrale Bewertung beizubehalten", sagt Fondsmanager Jérome Schupp. Mit seinem nüchtern-kontrollierten Bewertungsansatz ließ sich Schupp etwa von der zeitweisen Euphorie um den Telekom - Ausrüster Nortel nicht anstecken. "Wir haben die Aktie gar nicht erst gekauft, weil das Unternehmen finanzielle Probleme hatte", sagt Schupp.

Insgesamt seien die Anleger nach den früheren Übertreibungen rationaler geworden, meint Fondsmanager Schupp. Darauf deuten auch neue Daten des Deutschen Aktieninstitutes (DAI) hin. Danach setzen Privatanleger beim Aktienkauf verstärkt auf Fonds, die das Anlagerisiko breit streuen. Die Zahl der Fondseigner stieg im ersten Halbjahr um 22 %. Dagegen sank die Summe der Einzelaktionäre um 4 %.

Wie Anleger der Psycho-Falle entkommen

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