Auch sprudelnder Rosé wird gefertigt
Junge Alternative

Frankreichs Champagnerhäuser machen sich selbst Konkurrenz: mit Sekt aus Saumur.

Vincent Herbreteau, Maître de chai bei der Sektkellerei Bouvet-Ladubay in Saumur, führt stolz in sein unterirdisches Reich vor: Die Stollen sind tief in den angrenzenden Weinberg gegraben, insgesamt acht Kilometer lang. Zu Zeiten des Sonnenkönigs wurde dort Kalkstein zum Bau von prächtigen Schlössern gebrochen.

Elektrisches Licht gibt es da unten nicht. Nur der Schein einer Karbidlampe erhellt die Szenerie. Es geht vorbei an Boxen mit Millionen Flaschen. Mindestens zwei Jahre reift der perlende Inhalt. "Bei den gehobeneren Chargen können es auch vier und fünf Jahre sein", erklärt Herbreteau, lächelt dann und legt den Finger an die Lippen. Er löscht für einen Augenblick die Lampe. Nun ist es absolut dunkel, absolut (das arg strapazierte Adjektiv trifft hier) still. Ein leichtes Gruseln ist zu spüren, doch auch ein Gefühl dafür, dass Sekt der Oberklasse in einer solchen Umgebung gut aufgehoben ist.

Saumur an der Loire wird gerühmt für sein weithin leuchtendes weißes Château, für seine Kunstreiter des "Cadre noir" und für seine schäumenden Genüsse. In vielen französischen Familien ist es Sitte, an Weihnachten Loire-Sekt zu entkorken - nicht statt, sondern trotz Champagner. Er prickelt einfach fröhlicher und fruchtiger als die gravitätischen Berühmtheiten aus Reims. Und den besten Ruf am großen Strom genießt "Saumur brut".

Bei dieser Bezeichnung muss der Anteil von Chenin blanc höher sein als sonst an der Loire üblich. Diese Traube liefert Weine, die anfänglich rau erscheinen, aber gut altern können. So eignen sie sich besonders für höherwertige Marken, die lange im Untergrund reifen.

Auch sprudelnder Rosé wird gefertigt. Dafür nehmen die Kellereien die Sorte Cabernet franc, die ungemein verführerische Aromen von Erdbeeren in die Flasche bringt. Mit dieser Spezialität macht Saumur manchem Rosé-Champagner ernsthaft Konkurrenz.

Die großen Häuser, alle im 19. Jahrhundert entstanden, liegen etwas außerhalb der Stadt im Vorort St Hilaire/St Florent. Doppelnamen zeugen davon, dass manches der Unternehmen auf eine Verschmelzung kleinerer Betriebe durch Eheschließung zurückgeht. "Zu kaufen gibt es hier nichts", hieß es früher, "das muss man sich schon erheiraten."

Das stimmt heute nicht mehr. Die besten Adressen befinden sich in der Hand von Champagner-Kellereien. Bouvet-Ladubet wurde vor einigen Jahren von Taittinger in Reims, Nachbar Langlois-Chateau von Bollinger in Ay geschluckt. Die alten Besitzer wehrten sich lange gegen die Übernahme. Am Ende überzeugten Geld und das von den Aufkäufern vorgetragene Argument, dass die Vertriebskraft der Champagne beim Erobern von Exportmärkten auch der Loire zugute käme.

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