Auch Stellenabbau geplant
Müller verordnet Commerzbank eine Rosskur

Commerzbankchef Klaus-Peter Müller will die Börsenkapitalisierung seiner Finanzgruppe von 14 auf 25 Milliarden Euro erhöhen, um bei künftigen Partnerschaften oder Fusionen genügend Wert in die Waagschale werfen zu können. Dazu sollen Kostensenkungen beitragen, die über das bisher bekannte Ausmaß hinausgehen.

FRANKFURT/M. Der seit drei Monaten amtierende Vorstandssprecher der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, hält den Börsenwert der viertgrößten deutschen Bank gegenwärtig für zu niedrig, um in ernsthafte Verhandlungen über eine Fusion oder Partnerschaft einzutreten. Mit einer Kapitalisierung von rund 14 Mrd. Euro sei das Finanzhaus "völlig unterbewertet". Seine dringendste Aufgabe sei es daher, zunächst den Wert zu steigern, um den Aktionären bei einer Fusion oder Partnerschaft einen angemessenen Preis zu sichern, betonte Müller im Gespräch mit dem Handelsblatt. "25 Mrd. Euro Börsenkapitalisierung sind eine Marke, bei der unsere Neigung, mit anderen zu sprechen, deutlich höher wäre als zum aktuellen Zeitpunkt", sagte Müller.

Das sich daraus ergebende Szenario - die Kosten sinken, die Rendite steigt, der Börsenwert erhöht sich auf 25 Mrd. Euro, und die Bank hat alle Optionen offen - kommentierte Müller mit den Worten: "Das wäre doch keine schlechte Geschichte." Sollte der Kurs der Bank auf ein Niveau von 20 Euro sinken, wäre das der sichere Auslöser für feindliche Übernahmeangebote, heißt es hingegen unter Investmentbankern. Zurzeit pendelt die Aktie um 27 Euro.

"Erlös-Träume interessieren mich überhaupt nicht"

Müller träumt indes von einem europäischen Zusammenschluss, wie ihn die Bank bereits im Jahr 1998 unter dem Projektnamen Max geprüft habe. "Ich bin dafür absolut offen, bis hin zu einer europäischen Vollfusion", meinte Müller. Grenzüberschreitende Bankfusionen seien aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich, weil "irrsinnige nationale aufsichtsrechtliche, juristische und steuerliche Hindernisse" dem entgegenstünden. "Wir können in Europa einfach nicht das tun, was wir für richtig halten. Wir werden aber nicht nachlassen", kündigte er an.

Den Schlüssel zu einem höheren Aktienkurs sieht Müller in erster Linie in sinkenden Kosten. Deshalb werden in der Bank zurzeit alle Aktivitäten auf den Prüfstand gestellt, um die Kosten über die bereits für dieses Jahr geplanten 380 Mill. Euro hinaus weiter zu senken. "Mich interessiert zurzeit überhaupt nicht, welche Erlös-Träume irgendjemand hat. Ich will die Kosten senken", sagte Müller.

Im Moment werde etwa untersucht, welche Stäbe überbesetzt sind und welche Filialen nicht die Renditeforderungen erfüllen. Dabei setzt Müller den Rotstift nicht nur bei Back-Office-Tätigkeiten wie Abwicklung und Verwaltung an. Sondern er will auch Aktivitäten mit direktem Kundenkontakt streichen, wenn sie nicht die angestrebte Produktivität zeigen. Ende September sollen die endgültigen Pläne stehen. Dass es einen Personalabbau im deutschen Bankgewerbe geben wird, steht für Müller fest. Er setzt ihn auch für sein Haus voraus. Wie viele Mitarbeiter gehen müssen, stehe derzeit aber noch nicht fest. "Wer den Kurs der Bank nicht mitgeht, wird nächstes Jahr nicht mehr dabei sein", stellte er unmissverständlich fest.

Laut führenden Unternehmensberatern werden die deutschen Banken massiv Personal abbauen müssen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Edgar Klein von Deloitte Consulting hält eine Kürzung um 10 % für nötig. Die Commerzbank, die rund 32 000 Mitarbeiter beschäftigt, hat im Juni einen generellen Einstellungsstopp beschlossen.

Stark betroffen ist zum Beispiel das Geschäftsfeld M&A (Beratung bei Fusionen und Übernahmen), in dem die Commerzbank noch Nachholbedarf hat, um ein starker Spieler im Markt zu werden. 250 der 1 500 Planstellen im Investment-Banking seien derzeit unbesetzt. Wie es weitergeht, will Müller im vierten Quartal entscheiden.

Pessemismus auch für das zweite Halbjahr

Nach einem schwachen ersten Halbjahr ist Müller auch für Konjunktur und Finanzmärkte im zweiten Halbjahr skeptisch. "Es wird kaum eine spürbare Ergebnissteigerung geben, wenn Börsenklima und Konjunktur sich nicht nachhaltig verbessern werden." Ihr Ziel, eine Eigenkapitalrendite von 15 % nach Steuern zu erzielen, werde die Bank auch in 2002 noch nicht erreichen. In den ersten sechs Monaten lag die Rendite nur bei 4,5 %, nach 11 % im Vorjahreszeitraum.

Ein Weg, zusätzliche Erträge zu erzielen, könnte der Verkauf von Beteiligungen sein. Dabei macht Müller auch vor europäischen Partnerbanken nicht Halt: "Die Qualität unserer Beziehungen zu den Partnerbanken wird nicht mehr von der Höhe der Kapitalunterlegung beeinflusst." Als Beispiel nannte er die führende spanische Bankengruppe BSCH, an der die Commerzbank 2,2 % hält. Umgekehrt ist BSCH mit 4,8 % an der Commerzbank beteiligt. "Wenn wir Reserven heben wollen, würde ein Verkauf unseren spanischen Partner nicht verärgern. Das sehen beide Banken ganz entspannt." Nicht in Frage komme ein Verkauf der 1,8%-Beteiligung an der italienischen Investmentbank Mediobanca, die darauf großen Wert lege. Nicht trennen will Müller sich auch von den strategisch als sehr wichtig eingestuften 50 % an der BRE Bank in Warschau.

Analysten, etwa Stuart Graham von JP Morgan, sehen in dem Verkauf geringer, strategisch unbedeutender Beteiligungen einen Weg, die mit 6,4 % relativ niedrige Kernkapitalquote (Kernkapital in Relation zu den Risikoaktiva) der Commerzbank zu steigern. Die Rating-Agentur Moody?s kritisiert unter anderem die mangelnde finanzielle Flexibilität. Sie hat das langfristige Rating für Einlagen und Schuldtitel sowie die Finanzkraft der Bank auf "A1" bzw. "B-" von zuvor "Aa3"/"B" gesenkt. Müller sieht das gelassen: "Damit müssen wir leben. Wir sind in Deutschland auf dem schwierigsten Bankenmarkt."

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