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Auch US-Bilanzregeln lassen Spielräume

NEW YORK. Die Bilanzierungsstandards der USA haben den Ruf, die besten der Welt zu sein. Gewährleisten sollen dies strenge Regeln und eine scharfe Überwachung durch die Wertpapier-Aufsicht SEC. Die zu Grunde liegende Philosophie lautet: Der Anleger hat ein Recht, alles zu wissen, das Verstecken von Gewinnen ist nicht erlaubt. Der Jahresabschluss soll dem externen Betrachter einen Einblick in die tatsächliche Ertrags- und Finanzlage des Unternehmens geben.

Die Realität ist aber eine andere. In jüngster Zeit häufen sich Fälle, in denen sich Wirtschaftsprüfer und Finanzchefs vor Gericht oder der SEC verantworten müssen, weil sie in ihren Ergebnis-Rechnungen Zahlen vorgetäuscht haben, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten. So hat der Haushaltswaren-Hersteller Sunbeam unter Führung des ehemaligen Vorstandschefs Albert Dunlap jahrelang glänzende Zahlen vorgetäuscht, bevor das Unternehmen Konkurs anmelden musste. Oder: Der Software-Hersteller Microstrategy hat nicht realisierte Umsätze gebucht und die Erlöse damit um 25 % zu hoch ausgewiesen.

Dieses Verhalten kommt nicht von Ungefähr: Während die deutschen Bilanzregeln vor allem auf den Schutz der Gläubiger abzielen, steht im US-Recht der Aktionär im Mittelpunkt. Die Folge: Unter dem Druck, stets die erwarteten Zahlen vorzulegen, verwenden die Unternehmen alle möglichen Tricks, um Umsatz und Gewinn künstlich aufzublasen.

So werden zum Beispiel mit einem riesigen Abschreibungsposten künftige Kosten in einem einzigen Quartal geltend gemacht, was dann die Ergebnisse der Folgequartale besser aussehen lässt. So geschehen bei Daimler-Chrysler. Oder: mit umfangreichen Finanzierungskrediten wird der Umsatz angekurbelt, wobei offen bleibt, ob der Kunde jemals zahlt. Bekannte Fälle sind Motorola, Nortel und Lucent.

Nach neuesten Beschlüssen der Regulierungsbehörde FASB muss bei Übernahmen der über dem Substanz- beziehungsweise Ertragswert liegende Teil des Kaufpreises (Goodwill) zwar in der Bilanz aktiviert, aber nicht abgeschrieben werden. Außerdem ist es nach US-Recht legal, in Form von Aktienoptionen gezahlte Gehälter nicht als Kosten geltend zu machen. "Ergebniszahlen sollten akkurat wiedergeben, wie gesund ein Unternehmen ist und wie es sich entwickelt hat", schrieb ein Portfoliomanager der Anlegerzeitung Barron's, "ich fürchte, da sind die jüngsten Entscheidungen der FASB nicht sehr hilfreich."

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