Auch weitere Zinssenkung nicht ausgeschlossen
Dubai schafft neue Zinsperspektive

Die Diskussionen der Vertreter der großen Industrienationen zu den Wechselkursen auf ihrem Treffen in Dubai haben nicht nur zu starken Reaktionen an den Devisenmärkten geführt, sondern auch den Zinsausblick in Europa erheblich verändert. "Seit heute rechnet der Geldmarkt damit, dass der Leitzins im Euroraum nicht vor September nächsten Jahres erhöht wird", las Peter Müller, Analyst bei Commerzbank Securities, in Frankfurt am Montag aus den Terminsätzen heraus. Damit würde sich die Zinswende nach oben gegenüber den noch vor wenigen Wochen vorherrschenden Erwartungen um fast ein halbes Jahr nach hinten verschieben.

FRANKFURT. Erstmals seit Juni rückte dabei für den Geldmarkt auch eine weitere Leitzinssenkung unter das gegenwärtige Niveau von zwei Prozent wieder in den Bereich des Möglichen. Und erstmals seit Juli konnten sich Banken am Montag auf Termin Dezember oder März ein wenig billiger finanzieren als aktuell.

Der Terminsatz für Dreimonatsgeld im März 2004, ein guter Indikator für die im Frühjahr nächsten Jahres erwarteten Leitzinsen, lag am Montag mit 2,11 Prozent um sieben Hundertstel niedriger als am Freitag und um dreißig Hundertstel niedriger als vor nur drei Wochen. Aktuell wird Dreimonatsgeld mit rund 2,14 Prozent verzinst.

Auslöser für die Neubewertung der Zinsperspektive war eine kräftige Aufwertung des Euros gegenüber dem Dollar im Gefolge des G7-Treffens in Dubai. Mit etwas unter 1,15 Dollar notierte die Einheitswährung am Montag-Nachmittag um zwei Cent höher als Mitte letzter Woche und um über sechs Cent höher als zu seinem Zwischentief vor vier Wochen.

Viele Bankvolkswirte hatten den Umschwung der Erwartungen an den Finanzmärkten in Richtung auf eine rasche Zinswende nicht mitgemacht, weil sie die Welt-Konjunktur für zu labil ansahen. Sie sehen sich nun bestätigt.

Die Volkswirte von Lehman Brothers überlegen, ob sie ihre Prognose einer EZB-Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt von derzeit Frühjahr 2004 auf Dezember vordatieren sollten. "Nach dem Modell der EZB drücken fünf Prozent EuroAufwertung gegenüber den wichtigsten Handelspartnern innerhalb eines Jahres sowohl Wachstum als auch Inflation um 0,3 Prozentpunkte", sagte Lehman-Ökonom Michael Dicks. Die Inflationsrate werde im nächsten Jahr nur wenig über einem Prozent liegen, sagt Dicks voraus.

"Wir haben bereits vorher eine weitere Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank auf 1,75 Prozent vor Jahresende für wahrscheinlich erachtet. Jede weitere Euro-Aufwertung bestärkt uns in dieser Erwartung", sagte Jürgen Michels, Volkswirt der Citigroup in London.

Der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Michael Hüther, verweist darauf, dass die Euro-Aufwertung die Importpreise drücke. "Wir hatten bisher schon Raum für niedrigere Leitzinsen gesehen. Dieser hat sich nun eher noch vergrößert", so Hüther. Allerdings zweifelt Hüther daran, dass die EZB den Schritt tatsächlich gehen wird, weil die Regierungen den Stabilitätspakt immer ungenierter in Frage stellten.

"Eine Zinssenkung durch die EZB könnte einen Beitrag leisten, die globalen Ungleichgewichte zu lösen, denn sie würde das Wachstum in Europa stimulieren" plädierte dagegen Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank für einen solchen Schritt.

Für Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ist die jüngste Euro-Aufwertung dagegen noch nicht ausgeprägt genug, um einer weiteren Zinssenkung das Wort zu reden. Sie sei nur nötig, wenn es zu einem Dollar-Crash kommen sollte. Diese Gefahr verringere sich, wenn sich die gemeinsamen Aufwertung von Euro und asiatischen Währungen fortsetzte. Allerdings rechnet Mayer nicht vor 2005 mit einer Zinsanhebung durch die EZB. Die allmähliche Aufwertung des Euro bis auf 1,25 Dollar im Verlauf des nächsten Jahres werde dafür sorgen, dass der Inflationsdruck auch ohne eine Zinserhöhung gering bleibe.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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