"Auch wir leiden"
Pentagon-Hinterbliebene fühlen sich übersehen

Allie greift mit ihrer winzigen Patschhand nach dem kühlen Marmorstein. "Hier ist dein Daddy", flüstert Mutter Stephanie Dunn mit Tränen in den Augen. Die Kleine gluckst fröhlich vor sich hin. Erst gerade sechs Monate alt, weiß sie nicht, dass sie ihren Vater nie kennenlernen wird. Marine-Offizier Patrick Dunn ruht in Sektion 64 auf dem Heldenfriedhof Arlington vor den Toren Washingtons, an einem Ort mit Blick auf jene Seite des Pentagon, in die am 11. September die American-Airlines-Maschine mit der Flugnummer 77 stürzte.

dpa WASHINGTON. Insgesamt 184 Menschen rissen die Flugzeugentführer mit sich in den Tod: 125 Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums und 59 Flugzeuginsassen. Acht der Toten waren werdende Väter wie Patrick Dunn. Von fünf Opfern konnten nicht einmal sterbliche Überreste geborgen werden. So mussten Angehörige der dreijährigen Dana Falkenberg einen leeren Sarg beerdigen. Dana war die jüngste Passagierin an Bord der Maschine. Ihr Traum: Sie wollte eines Tages einen Prinzen heiraten.

Vom klaffenden Loch nichts mehr zu sehen


Blickt Stephanie Dunn beim Besuch des Grabes ihres Mannes auf die Pentagon-Fassade, kann sie von dem klaffenden Loch, den Trümmern nach dem Absturz nichts mehr sehen. Bereits neun Monate nach dem Terroranschlag konnte der Wiederaufbau der Außenfront abgeschlossen werden. Ein rußgeschwärzter Stein aus der einstigen Fassade mit dem Datum 11. September, der zum Abschluss der Arbeiten in die Mauer eingelassen wurde, ist für den Betrachter als einziges sichtbares Zeichen der Zerstörung geblieben. Über die Hälfte der rund 4 600 Mitarbeiter, deren Büros verwüstet oder zerstört wurden, sind mittlerweile an ihren alten Platz zurückgekehrt.

"Wir lassen uns nicht in die Knie zwingen"


Das Tempo, mit dem am Wiederaufbau gearbeitet wurde, hat symbolische Bedeutung. Experten sind sich einig darin, dass die Terroristen das Pentagon nicht nur deshalb als Ziel wählten, weil es mit seinen 23 000 Mitarbeitern eine hohe Opferzahl versprach - eine Kalkulation, die nur deshalb nicht aufging, weil viele Büros wegen Renovierungsarbeiten leer standen. Getroffen werden sollte mit der Militärzentrale Amerikas Symbol der Stärke, der Macht, der Überlegenheit und Unverwundbarkeit. Entsprechend gab Verteidigungsminister Donald Rumsfeld noch am Abend des 11. September die Parole aus, dass das Pentagon trotz Teilzerstörung funktionsfähig sei und rasch wiederaufgebaut werde: "Wir lassen uns nicht in die Knie zwingen."

"Kaum jemand erwähnt die Helden vom Pentagon"


Tatsächlich kam schon am 12. September die Hälfte aller Beschäftigten wieder zur Arbeit, und als wenig später der Afghanistan-Krieg begann, gab das Militärs und Zivilisten im Pentagon "neuen Sinn und ein neues Ziel", wie es ein hoher Offizier formulierte. Aber für viele Hinterbliebene hat die Botschaft vom Durchhalten und "jetzt erst recht" einen bitteren Beigeschmack. Alle Welt mit den Medien voran konzentriere sich auf die Opfer von New York, "als würden wir nicht leiden", sagt Teri Maude, die ihren Mann, einen 53- jährigen Generalleutnant, am 11. September im Pentagon verlor. "Es ist irgendwie die unausgesprochene Auffassung unter Zivilisten, dass man in der militärischen Welt auf das Sterben vorbereitet ist. Aber das trifft nicht zu." Maude spricht auch von einer weit verbreiteten Frustration darüber, dass kaum jemand die Helden vom Pentagon erwähne - etwa Paul Gonzalez, der fünf Menschen rettete, bevor er mit schwerem Lungenschaden zusammenbrach.

"Wir fragten uns, was als Nächstes kommt"


Peter Murphy, Pentagon-Rechtsexperte, ist vor kurzem an seinen Schreibtisch zurückgekehrt, der undersamerweise inmitten von Schutt und Asche unversehrt blieb. Er hat gemischte Gefühle: Trauer über den Tod so vieler Kollegen, Entschlossenheit, den Terrorismus auszurotten und ein Schuldgefühl, weil er selbst überlebte. Am Morgen des 11. September saß er mit zwei Mitarbeitern in seinem Büro und verfolgte mit Entsetzen und Grauen die Geschehnisse in New York auf dem Bildschirm. "Wir fragten uns,was als Nächstes kommt", erinnert sich Murphy. 20 Minuten später fand er es heraus.

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