Auch zwei Jahre vor den Sommerspielen in Athen hakt es bei den griechischen Olympia-Organisatoren
Ins Blaue hinein geplant

Die Athener geben sich gelassen: Auch wenn viele Sportanlagen schon vor der ersten Nutzung wieder verfallen, wird ihre Stadt ein guter Olympia-Gastgeber sein, glauben sie.

ATHEN. In den vergangenen zwei Jahren hat sich hier, wo 2004 die wichtigsten Olympischen Wettkämpfe stattfinden sollen, wenig verändert. Nur ist alles noch brüchiger geworden. Das Unkraut hat wenig Mühe, sich durch die Ritzen des spröden Betons zu kämpfen. Die Säulen, die den nordwestlichen Eingang des olympischen Komplexes nahe der S-Bahnstation Irini zieren sollen, sind mit Graffiti beschmiert, die einst weiße Grundfarbe kann sich kaum noch halten. Es hat offenbar triftige Gründe, dass Journalisten - die natürlichen Feinde der griechischen Olympiaorganisatoren - das große Gelände im Athener Norden momentan nicht betreten dürfen. Es sei "wegen der Bauarbeiten geschlossen", heißt es im Pressebüro des Athens Organizing Committee (Athoc).

Doch wo sind die Bauarbeiter, wo ist die große Baustelle? Nur selten donnern mit Kies beladene Lastwagen über das Gelände, über dem in zwei Jahren eine futuristische Dachkonstruktion des spanischen Stararchitekten Santiago Caltatrava hängen soll. Es ist kaum vorstellbar, dass dieses Areal Mitte August 2004 den größten Teil der Athleten und Besucher beherbergen soll. Überall liegt verrostetes Eisen, Müll stapelt sich, wilder Wein überwuchert viele Zäune. Blickt man auf das Nebengelände, dorthin, wo sich die Leichtathleten aufwärmen sollen, zeigt sich eine grünbraune Steppe. Das angrenzende Gebäude ist verfallen, glaslose Fensterhöhlen starren den Besucher an. Vom Grün umzingelt, steht einsam eine Hürde vor dem Trainingsbereich. Ein Bild mit Symbolkraft.

Immerhin: Im Olympiastadion, 1982 für die Leichtathletik-Europameisterschaft erbaut, werkeln eine Handvoll Bauarbeiter. In gemächlichem Tempo demontieren sie die ersten Sitzschalen, von Zeit zu Zeit hallen Hammerschläge durch das weite Rund. In der Schwimmarena tut sich dagegen nichts. In den beiden Becken steht das Wasser etwa 20 Zentimeter hoch - nein, kein Wasser, eher eine braune Brühe. Die Farbe erinnert an die Bahn im Velodrom. Dort sind die Sitzschalen teilweise zerbrochen, und fast überall, wo Eisen ist, ist auch Rost.

Wo hatte der Schweizer Denis Oswald, der für das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Stand der Vorbereitungen kontrolliert hatte, seine Augen? "Die Fortschritte sind sichtbar", urteilte er nach seinem Besuch im April. Vielleicht dachte er an die 1995 fertig gestellte Basketballarena, die weitgehend die IOC-Maßstäbe erfüllt.

Eine zweite Delegation, die in der vergangenen Woche die Baustellen besuchte, äußerte sich lobend über das Presse- und Rundfunkzentrum, an dem seit mehr als einem Jahr gebaut wird. Immerhin ragen inzwischen rote Stahlträger gen Himmel, und es ist zumindest vorstellbar, dass der Arbeitsplatz für die Journalisten in den kommenden zwei Jahren fertig wird. Das gilt auch für das Olympische Dorf am Fuße des Parnitha - das erste geplante Viertel in der Geschichte der Stadt.

Oswalds Stellvertreter Gilbert Felli weiß um die vielen Probleme, die noch zu lösen sind, wenn er sie auch nur in verklausulierter Form anspricht. Bei der Frage der Unterbringung der Gäste sehe er "endlich Licht am Ende des Tunnels", formulierte er höflich. Aber selbst wenn, wie geplant, mehr als 13 000 Besucher auf Kreuzfahrtschiffen im Hafen von Piräus logieren werden, müssen zahlreiche Olympiatouristen sich wohl um eine Unterkunft in einer Privatwohnung bemühen.

Auch die Frage der Transporte während der Spiele bleibt heikel. Sollten die Hauptstädter im August 2004 nicht wie sonst üblich der Sommerhitze entfliehen, sondern zu Hause bleiben, droht der Verkehrsinfarkt. Daran ändern dann auch die im Bau befindliche Tram und der Flughafenzubringer nichts. Nur wenn die Athener im August 2004 "das Autofahren vergessen", könne das Chaos vermieden werden, warnte der griechische Kulturminister Evangelos Venizelos.

Aber so groß die Probleme auch sein mögen - die improvisationsfreudigen Griechen bleiben optimistisch. Vielleicht wird es ja wie 1896, als in Athen die ersten Spiele der Neuzeit zur Austragung kamen. Damals wurde das Panathenäische Stadion nicht rechtzeitig fertig, und nur die unteren vier Zuschauerränge wurden wie geplant in Marmor ausgeführt. Der Rest war aus Holz gezimmert und - damit es nicht so sehr auffiel - weiß gestrichen.

Die Sommerspiele 2004 werden also sehr wahrscheinlich nicht die besten aller Zeiten. Aber vielleicht die am besten improvisierten.

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