Audit hat "Win-Win-Situation" zum Ziel
Beim Kampf um Talente ist Familienfreundlichkeit ein starkes Argument

Zum dritten Mal erhalten familienfreundliche Betriebe das Prüfsiegel der Hertie-Stiftung - es soll sich auszahlen.

DÜSSELDORF. "Meist ist es ein Abschied ohne Wiederkehr", sagt Christian Maier. Der Leiter der Organisationsentwicklung beim Sportartikelhersteller Vaude beklagt, dass zu wenige Mitarbeiterinnen nach ihrem Mutterschutz ins Unternehmen zurückkehren. Und weil unter den rund 160 Beschäftigten viele junge Frauen seien, verzeichne das Unternehmen aus Tettnang in der Nähe des Bodensees häufig Personalausfall.

Viel zu häufig, betont Maier. Denn es sei schwierig, Ersatz für die Näherinnen von Schlafsäcken, Zelten oder Bergsportbekleidung zu finden. Mit vier Prozent Arbeitslosenquote herrsche in der ländlichen Region praktisch Vollbeschäftigung. Das Unternehmen habe sich "gezwungen" gesehen, den Mitarbeiterinnen die Rückkehr schmackhaft zu machen und steckte 200 000 Mark in den Bau eines Kinderhauses. Vaude trägt zusätzlich pro Jahr 40 000 Mark Betriebskosten, Eltern beteiligen sich mit 150 bis 400 Mark monatlich an den Personalkosten. Im Mai eröffnete das Haus und nahm bisher 17 Kinder auf. Für vier Elternteile dieser Kinder sei das Angebot "die Voraussetzung, bei uns in Teil- oder Vollzeit arbeiten zu können", so Maier. Drei weitere Mütter würden deshalb in den kommenden Monaten aus dem Erziehungsurlaub zurückkehren.

Nicht nur ein Kostenfaktor

"Das Unternehmen betrachtet das Kinderhaus aber nicht als reinen Kostenfaktor, sondern als Investition, die sich bezahlt machen soll", sagt Maier - weil das Ausbluten der Belegschaft reduziert werde. Für die Bereitschaft, familienfreundliche Personalpolitik mit unternehmerischen Zielen zu verknüpfen, erhält Vaude am kommenden Dienstag das so genannte Grundzertifikat von "Beruf und Familie", einer Tochtergesellschaft der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung aus Frankfurt.

Vaude gehört zu den 13 Unternehmen und Behörden, die sich in diesem Jahr am Audit von "Beruf und Familie" beteiligt haben. Die Prüfung wurde von der Hertie-Stiftung in einem Forschungsprojekt entwickelt und ist als Markenzeichen geschützt, um ihren Anspruch als Instrument der Personalplanung zu unterstreichen.

Bei dem Audit handelt es sich zunächst um eine Bestandsaufnahme vorhandener Angebote. Später kommt es in den Unternehmen zum Dialog mit externen Beratern: Workshops und Projektgruppen beackern bis zu zehn "Handlungsfelder" - von flexiblen Arbeitszeit- und Arbeitsortmodellen bis zum familienfreundlichen Berufsaufstieg. Das Unternehmen erklärt abschließend, welche Ideen es angehen will und berichtet einmal pro Jahr über Fortschritte. Ein Gremium - ihm gehören Wissenschaftler, Vertreter von Ministerien und Journalisten an - begleitet den Prozess und prüft nach drei Jahren das Resultat. Dieses zweite Zeugnis soll 2002 den ersten der insgesamt 40 Unternehmen ausgestellt werden, die sich seit 1999 am Audit beteiligt haben.

Audit hat "Win-Win-Situation" zum Ziel

Die auf Wunsch des früheren Kaufhaus-Chefs Georg Karg 1974 gegründete Hertie-Stiftung widmet sich der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie als einem Schwerpunkt. Eines der neuesten Ergebnisse ist der soeben erschienene "Leitfaden Familienbewusste Personalpolitik" für den Mittelstand, den die Stiftung mit dem Bundeswirtschaftsministerium entwickelte. Beim Audit von "Beruf und Familie", für das eine Gebühr von 20 000 Mark berechnet wird, ermöglicht die Stiftung kleinen und mittleren Betrieben einen Preisnachlass von bis zu 15 000 Mark.

Bis es zu einem Auftrag kommt, muss Stefan Becker, Geschäftsführer von "Beruf und Familie", jedoch oft mit einem Vorurteil kämpfen: "Viele Personalverantwortliche denken, wir kämen aus der Sozialecke und trieben nur die Kosten in die Höhe." Tatsächlich habe das Audit aber eine "Win-Win-Situation" zum Ziel - alle Beteiligten sollen profitieren. Es gehe jedoch nicht um einen Wettbewerb oder ein Ranking, wer die besten Angebote habe. "Wir zeichnen das Bemühen aus, dass Unternehmen an dem Thema dran bleiben." Lediglich einmal habe man den Abbruch der Auditierung angedroht, "weil Effizienzsteigerung zu sehr im Vordergrund stand und Verbesserungen für die Familien zu kurz kamen".

Ute Steinke wünscht sich mehr solcher Eingriffe. Die 43-jährige Beraterin für Informationstechnik kritisiert, dass ihr Arbeitsplatz bei Siemens Business Services in Köln zwar zertifiziert sei, dort jedoch "Teilzeit nicht gelebt wird. Viele Meetings finden ohne mich statt, weil Kollegen keine Rücksicht auf meine freien Tage nehmen." Die Mutter zweier Kinder fordert: "Man sollte die Unternehmen mehr in die Pflicht nehmen. Sonst verkommt das Audit zum Marketing-Gag."

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